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Im Reich des silbernen Löwen

1974-02-28 Von roten und grünen Hosen

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Es wurde notwendig, neben der chronologischen Führung des Tagebuchs auch noch die Aktualitäten zu berücksichtigen, da wir mittlerweile 10 Tage im Rückstand sind. Ich (UlKa) schreibe jetzt auch in Zukunft den aktuellen Tagespart. Also heute Morgen schlüpfte HoWa als erster aus den Federn und kam in den Genuss einer warmen Dusche. Uns Nachbadern blieb nur das kalte Wasser. Es dauerte dennoch einige Zeit, bis wir drei am Frühstückstisch saßen und uns unser Boy das Frühstück bringen konnte. Es gab pro Nase drei Spiegeleier und ansonsten das Übliche. Die Frau unseres Gastgebers kam dann auch herüber, um uns ihre süßen Kleinen zu zeigen, die ich dann prompt mit einem Flummiball beehrte. Die Zeit bis zum Mittagessen verbrachten wir in der Werkstatt. Der Chef hatte Dampf unter dem Laden gemacht, und alle Mechaniker standen zu unserer Verfügung. Wir ließen den Wagen total überholen, d. h. Kühler, Vergaser, Zündung, Kerzen, Lichtmaschine, Regler, Thermostat, Blinker, Tank, Tür, Dach, Rücklichter, Heizung, Batterie, etc. ....

Die Jungs überschlugen sich, da sie sehr wenig zu tun hatten. Zu Mittag waren wir wieder Aref und Farah zu Gast. Es gab Khoresh. Beim Kaffee unterhielten wir uns ausführlich über die finanzielle Organisation des Projektes, doch darüber wird JöJa ausführlich berichten. Nachmittags haben wir wieder das Auto beaufsichtigt, d. h. HoWa hat intime Schwarten getippt, und ich habe Bolchens verteilt. Am Auto konnten wir selber nichts machen, da die Perser es vollkommen mit Beschlag belegt hatten. Heute begutachtete auch dann ein Fachmann JöJa's Teppich. Das Ergebnis will ich mit der Ausnahme, dass JöJa sehr stark errötete, verschweigen, damit er nicht behaupten kann, wir hacken immer nur auf ihm herum. Gegen Abend wurde uns dann eröffnet, dass Leute eingeladen worden seien und wir das Abendprogramm zu bestreiten hätten, so eine Art deutscher Kulturabend. Aref brachte uns vorher noch Bier auf unser Zimmer, so dass wir uns Mut antrinken konnten. Der nun folgende Abschnitt ist der direkte Nachdruck der Impressionen, die wir bis vor einer Stunde hatten. Also wir sitzen hier, da kommt erst einmal einer rein, und es stellt, sich heraus, dass er ein Bekannter von Shababi-Tabbas ist: "Die Welt ist auch in Persien klein!" Nun ja, ein Dicker kam daher, und wir verarschten uns gegenseitig. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei um den Träger des Titels: Präsident der Bank von Shahabad handelte! Es waren übrigens sehr niedliche Mädchen da. JöJa konnte kaum an sich halten. Als dann unsere Gastgeber eintrafen, ging denn das Ganze los. Man saß zunächst stocksteif da, auf einer Ecke die Mädchen, wir in der anderen abgesehen von Farah und dem Soldatenweib. JöJa machte dumme auszügliche Anspielungen, und man forderte mich, Gitarre zu spielen und zu singen.

Mit dem Spruch, ich würde mich vor den hübschen Mädels schämen, brachte man mich auch noch zum Singen. Ich begann also den Kulturabend mit Goethes "War einst ein König in Thule!". Nach einigem weiteren Volksgut brachte der Boy dann das Essen. Ein wahrhaft lukullisches orientalisches Stehparty-Gelage entfaltete sich. JöJa nahm die Chance wahr und muschelte sich unter die persischen Mädchen. Nach dem Mahl begann dann die Dekadenz. JöJa entwickelte sich zum permanenten Blitzer, 40 - 50 Bilder an diesem Abend, und wurde immer offenherziger. Ich sang so einiges, bis der Bankdirektor mir die Show stahl, indem er anfing, so erotisierende, wie er wohl meinte, Tänze vorzufahren. Na, da haben JöJa und ich auch nicht hinter dem Berg gehalten. Das ganze entwickelte sich zum Theater. Wir tanzten mit dem Bankdirektor um die Wette. HoWa hielt sich einigermaßen zurück. Als dann der Dicke die Gitarre ergriff, muss ich ausgeflippt sein und dementsprechend überdreht, mit Dazwischenkrächzen etc. Nach einigen englischen Folklorestücken meinerseits kam dann die große Stille. Zuvor wäre JöJa noch um ein Haar erdolcht worden. Er wagte es nämlich, sich zwischen die Mädchen zu setzen und sich fotografieren zu lassen, wobei einer der anwesenden Perser in einen Zustand "bien flippée" geriet und sich dazwischen warf. Er hatte aber, wie sich später herausstellte, gar keine Besitzansprüche anzumelden, da die Mädchen für uns frisch besorgt worden waren! So ich bin jetzt müde. JöJa und HoWa schlafen schon geraume Zeit. Alles, was ich jetzt noch vergessen habe und was falsch oder unrichtig auf diesem Papier steht, wird morgen - äh heute - in aller Frühe der HoWa erledigen. Gute Nacht!

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Ja, ja der liebe UlKa wird immer besser. Und es ist gut, den Abend gleich frisch aus dem Handgelenk zu tippen, wenn die Erinnerung noch da ist. Ich hatte gestern übrigens die Ehre, neben der Gastgeberin zu sitzen. Das war wohl der beste Platz. Mit ihr konnte ich mich wenigstens unterhalten. Sie unterhielt sich sogar von sich aus mit mir. Und außerdem muss man dem Aref bescheinigen, dass er eine wirklich sehr hübsche Frau hat und es eine Freude ist, neben ihr zu sitzen. Ich wurde denn auch gleich gefragt, wie ich denn die persischen Mädchen fände. Na, wir schienen uns wirklich einer Auswahl hübscher Mädchen gegenüber zu sitzen, die auch für die meisten Leute dieses Projektes neu war. Es war übrigens ich, der unbemerkt von den Betroffenen, auf Farsi, das Gerücht in die Welt gestreut hatte, UlKa hätte Angst vor so vielen hübschen Mädchen zu singen. Wir hätten ja nicht damit gerechnet, ein solches Aufgebot gestellt zu bekommen. Die Mädchen fürchteten sich intern vor JöJa, weil dieser so groß sei, was diesen veranlasste, um niedlich zu wirken, in der Hocke durch den Saal zu hüpfen. Großes Gelächter. Ich hatte meine Nebenfrau (nicht im Sinne von Haupt- und Nebenfrau, sondern im Sinne von Nebenmann und Nebenfrau!) einmal gefragt, wie sie denn die Einlagen von UlKa in den deutschen Kulturabend fände. Ob das denn gut sei, oder nicht? "A Little", sagte sie. Auch die anderen waren nicht ganz begeistert. Das kannten wir schon aus dem Teehaus in Mus. Die wilden Indianertänze, die JöJa und UlKa vorführten, erregten zwar Gelächter, aber bei JöJa auch Furcht, dass das Riesentier einmal aus dem Takt geraten und alles zertrampeln könnte. Eine Sache ließ fast alle mitmachen, und das war so eine ...

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... Art Pfadfindertanz. Der Text ist frei erfunden. Bei einer Gruppe wird erzählt, es handle sich um einen australischen Feueranbetertanz, bei einer anderen um den Nirwanatanz der Hindus und bei einer dritten ist er direkt aus einem afrikanisch-eskimonanischen Mischkral importiert worden. Zum Schlag der Trommel geht man im Seitenwechselschritt im Kreis. Der Vorsänger tippt jemanden auf die Schulter, und dieser muss ihm in Text und Tanz folgen. Der Vorsänger singt "Anekhune chawunani, awawawikbanahakahajenna, ihahuhaniebetihetien". Dieser Gesang wird von Zeile zu Zeile von den Mittänzern wiederholt. Der Effekt der Sache ist der, dass nach einer Weile alle mitmachen. Auch gestern Abend gelang dies nach einigen Schwierigkeiten mit den einheimischen Madeln, die erst auf Vorbild von Farah mitmachten. Trotzdem hatten sich nach einer weile alle meinem Tanz angeschlossen und brachen am Ende mit mir in das affenartige Schlußgebrüll aus!

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Dennoch war unser Repertoire bald erschöpft, und es stellte sich wieder peinliches Schweigen ein, das ohnehin der Unterton des ganzen Festes war. Schließlich erhob sich die Gastgeberin Punkt 12 Uhr, und damit war das Fest beendet. Alle hübschen Mädchen und die meisten Herren gingen, auch Razieh , die kleine Süße in der grünen Hose. Zurück blieb ein bitter-süßer Geschmack und einige ganz trinkfeste Perser inkl. Bankdirektor Hassan Shababy-Tabbas. Und UlKa tippte "châtrer". Eins sollte noch nachgereicht werden: Zu Anfang des Festes propagierte JöJa die sogenannte bunte Reihe, hier ein Weib, da ein Mann etc.- mit wechselndem Erfolg!


Briefe ...


1974-03-01 Nicht zu vergleichen mit daheimischen Besen...

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Heute früh haben wir nicht geduscht. Wir standen so gegen 10 Uhr auf, in der Erwartung, demnächst vom Chef zur Projektbesichtigung abgeholt zu werden. Zuvor brachte uns unser dienstbarer Geist das Frühstück aufs Zimmer. Gegen Mittag verdünnisierte sich JöJa, um nach dem Wagen zu sehen und den Chef zu suchen. Wir saßen derweil hier und tippten. Gegen Mittag bemerkten wir, wie sich die Weiblichkeit wieder auf unser Haus konzentrierte. Inzwischen kam dann auch JöJa mit einem griesgrämigen Gesicht, das sich sofort erhellte, als er die Räumlichkeiten mit weiblichen Attributen und deren Besitzerinnen vollgefüllt sah. Wir wurden in unseren Speisesaal hinüber gebeten und sahen uns demselben Kreise von Persönlichkeiten wie gestern gegenüber, mit Ausnahme der zu eifersüchtigen Männer. Wir führten zunächst eine leichte Konversation um alles und nichts. Auch die süße hellgrün behoste zweieinhalb Greiffrau, auf die JöJa und HoWa scharf waren, war wieder mit ihrem unschuldigen, verklärten Lächeln da. Aber die Beschreibung lasse ich mir lieber jetzt von JöJa diktieren:

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... übers's Wadi - huch!

Ich muss die Augen dazu zu haben - (Schweigen) ...

Ich betrat den gastlichen Raum
und glaubte meinen Augen nicht zu trauen

Meine Augen fingen an zu glühen
als sie dort sahen das Mägdelein mit der Hose grün

Sie saß dort anmutig und graziös
jedoch ihr Blick war ein wenig bös.

Es lag wohl auch ein bisschen an mir,
denn mein Blick haftete wie ein Magnet an ihr (Du Tier!)

Sie war halt so ein wunderschönes Wesen,
überhaupt nicht zu vergleichen mit daheimischen Besen.

Sie saß dort kerzengerade,
in ihrer besten Kleidung vom Kopf bis an die Wade.

Ihr Blick war scheu,
und zugleich auch treu.

Sie hatte wohl 3 bis 4 Greif zu bieten,
die ich wohl gerne wollte mieten.

Doch hatte sie mit Männern nichts im Sinn,
obwohl sie steckte in einem Minislip drin!

Er betonte stark ihre Konturen,
und entzündete meine Blicke, die über sie fuhren.

Leider war der Spaß viel zu kurz,
ich lass' jetzt einen Furz .

Scheiß-Stroganov, JöJa meint, er zittert so richtig durch die Luft und müsse deshalb mit drei pf pf pf pf gestunken, äh, geschrieben werden. Gute Nacht!

Ich habe doch längst aufgehört, was schreibst Du denn noch?

Und es umplärrte mich persisches Gedudel, und ich dachte an JöJa's heiße Nudel - Gute Nacht, morgen geht es mit harter Prosa von HoWa weiter.

Ja, in der Tat, jetzt bin ich wieder am Zuge, um knallhart zuzuschlagen. Es ist der 02.03., 7 Uhr 30, da ich die Fortsetzung des gestrigen Tages tippe. Noch von den Resten heißer Träume und von schwermütiger persischer Musik umnebelt, will es mit der Prosa noch nicht so recht klappen. Die Weise, wie Big Rödel die holde Weiblichkeit betrachtet, habe ich schon öfter scharf verurteilt. Es ist die sogenannte Gier-Greif-Theorie, ganz und gar auf kurzfristigen robusten Genuss seinerseits ausgerichtet. Auch zu Hause, wo er doch schon seine ehelichen Pflichten zu erfüllen hat, gebärdet er sich wie ein Seemann, der seit ½ Jahr keine Frau mehr gesehen hat. Wie soll es da erst hier sein. Er kann schon kein Mädchen mehr betrachten, ohne gleich kundtun zu müssen, wie er sie sich wohl im Bett vorstellte. Ordentlich stabil müssen sie sein, damit sie nicht gleich kaputt gehen, meinte er einst in Isfahan, als er eine stramme Bayerin für eine Nummer unter Dusche gewinnen wollte. Er beschäftigt sich so gar nicht mit den Argumenten der anderen Seite, überhaupt mit den nicht-körperlichen Seiten einer Frau. Für ihn heißt jede Frau nur Körper. Ich glaube, wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er eines der zarten persischen Geschöpfe von gestern ohne Rücksicht auf Verluste gebumst, ohne an etwaige verheerende Folgen zu denken. Bei allen noch so verführerischen Reizen darf man wohl nicht vergessen, dass der Iran ein saumäßig prüdes Land ist. Alle außereheliche Lust geht hier auf Kosten der Frau. Aber was kümmert so etwas einen alten Bundeswehroffizier? Ja, wie ging es gestern weiter? Die ganze Zusammenkunft war wegen des großen Essens mit uns in die Wege geleitet worden. Vor dem Essen aber konnte keine echte Stimmung aufkommen. UlKa dudelte wieder auf der Gitarre, diesmal gräßlich traurig-schmalzige Scheiden-und-oh-weh-Songs. Es waren auch wieder die beiden Hübschen von Vorgestern anwesend, die in der grünen und die in der roten Hose. Unheimlich modern gekleidet waren die beiden. So etwas hätte man hier im hintersten Khorassan nicht erwartet. Nun, wenn man nur in höhere Kreise kommt, ist halt überall alles möglich. Und gut gebaut waren sie auch. In der Tat mit so manchem heimischen Besen nicht zu vergleichen, wiewohl ich mit UlKa aber im Gegensatz zu JöJa darin übereinstimme, dass andere Dinge noch wichtiger sind, als nur die äußere Erscheinung. So von Ansehen die hübscheste, war die in der grünen Hose. Die in der roten war aber auch nicht so ohne, wie sich etwas später herausstellen sollte. Ich habe die Namen aller Mädchen auf meinem Persischbuch verewigen lassen. Nur bin ich leider noch nicht in der Lage, sämtliche Handschriften zu entziffern. Die in der roten Hose scheint Batul zu heißen, die in der grünen Razieh. Doch dann kam das Essen. Für uns, die wir aus der Wüste kamen, war das wieder wie im Schlaraffenland. Big Baby hat sich gleich vom ersten Gang so viel aufgetan, dass er selbst diesen unmöglich geschafft hätte. - Oder war es doch anders? UlKa diktiert ...

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Ich war gerade am Suppevorlegen -

JöJa: Du blöde Sau, das war vielleicht eine Scheiße

da reichte mir die charmante Lehrerin einen Teller herüber - von dem ich genau wusste, dass er Big Baby gehörte,

Haaa, ihr seid Schweine!

Ich blickte sie an, füllte einen Löffel. Sie nickte und ich tat ihn auf -

UlKa hätte ja lieber sie aufgetan als die Suppe

Entschuldige einmal, ich stand ja von vornherein auf die rote Hose. Ich füllte einen neuen Löffel. Sie nickte wiederum mit einem Lächeln und ich füllte auch diesen auf. Nun, so gut, ich füllte die (Riesen-) Kelle zum drittenmal. Sie nickte wiederum, und ich tat auch diesen auf. Da brüllte es schon von hinten markerschütternd: "Du alter Saftarsch, das war mein Teller!" Zusatz: Es kann statt Saftarsch auch blöde Sau geheißen haben - Ende UlKa.

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Jedenfalls großes Gelächter auf allen Seiten. Ich muss zugeben, dass auch ich bei dieser fürstlichen Speise - wir leben wirklich wie die Könige hier - kräftig zugelangt habe. Am meisten Aufsehen erregte jedoch der UlKa mit seinem unmäßigen Gefresse. Dieser Tag war sicher der Höhepunkt unseres Aufenthaltes hier, und da der Gast wie ein Fisch ist, und am 3. Tag anfängt zu stinken, sollten wir uns doch mal bald aus dem Staube machen. Nun ist es bei uns nicht ganz so krass, weil wir in einem eigenen Haus, wahrscheinlich dem Gästehaus des Projektes, wohnten und so unsern Gastgebern nicht allzu sehr auf den Wecker fallen. Aber den Höhepunkt habe ich noch gar nicht beschrieben. Nach dem Essen wurde die Atmosphäre etwas aufgelockert. Die Respektspersonen hatten sich schon wieder in die Sitzecke zurückgezogen und es wurde nun direkt zwischen den Fronten geredet. Wortführend war die Lehrerin. Ich bekam sogar ein Kompliment. Es muss irgendwo aus der Ecke der beiden Hübschen aus Gonabad, Batul oder der Grünen, namens Razieh Shams-ed-Din, die soweit ich weiß, ihre Abstammung auf die Familie des Propheten zurückführt, gekommen sein. Man meinte, ich sei "cheily chub o ghaschang" (sehr gut und hübsch). Lange nicht gehört, solche Kommentare zu meiner Person. Dennoch kam man bei all den Hemmungen und wachsamen Augen nicht über den toten Punkt hinaus. Erst als synthetische Musik, also von einer Kassette, abgespielt wurde, kam langsam Schwung auf. Der Bankdirektor fing gleich zu tanzen an, und als erstes Mädchen brachte seine junge Frau, die Lehrerin den Mut auf. Besonders hervor tat sich hier auch die Kindergärtnerin, die schließlich die rote Batul zum Tanz animierte. Und das war nun der Höhepunkt. So schüchtern sie erst in der Ecke saß, so feurig war nun ihr Tanz zu orientalischer Musik. So etwas Süßes, Kesses aber durchaus Gekonntes kann ich auf Papier überhaupt nicht beschreiben. Ich hätte das Ganze wirklich filmen und auf Tonband festhalten sollen. Allerdings erklärte sich unsere Begeisterung wohl auch zum größten Teil aus den Umständen Denn so etwas hatten wir eben nicht erwartet. UlKa triumphierte jetzt. Er war ja schon immer für die rote Batul gewesen, und ich musste ihm recht geben, dass hier ein wirklich umwerfendes Talent vorlag. Die Älteren und Respektspersonen verzogen sich zeitweise woanders hin, um ihre Dinge zu bereden. In der Zeit kam man sich näher, es wurden Adressen getauscht, Namen geschrieben und Bilder gezeigt. Ich habe die von der letzten Reise gezeigt und einige von zu Hause. Ich hätte doch viel mehr Bilder von der eigenen Familie und dem häuslichen Bereich mit dabei haben sollen. Darauf wird hier noch viel Wert gelegt. Statt dessen hatte ich wohl zu viele Bilder von anderen Mädchen mit. Während ich nach nebenan ging, um weitere Bilder zu suchen, erlaubte sich UlKa, die schwangere Wachtel, noch einen leichten Scherz. Bei jedem Bild fragten ihn die Mädchen, ob das denn meine Freundinnen seien, was dieser Schuft jeweils bejahte. Ich hätte 20 Freundinnen. Wirklich 20, fragte man. Nein gab er zurück, einige weniger. Dann war da auch unglücklicherweise ein Kuss-Foto darunter, dass mir zwischen die anderen Bilder gerutscht war, und als ich wieder zurückkam, fand ich den ganzen Saal tief geknickt und in Trauer. Offenbar hatte ich meine Popularität noch unterschätzt. Nun, ich war ja auch der einzige, der einige Brocken Farsi konnte. Zu allem Verdruss mussten nun auch die beiden Süßen aus Gonabad abreisen, so dass auch die Männerwelt geknickt war. Der Abschiedstanz von Batul wurde daher mit doppelter Begeisterung aufgenommen. Dann verzog sich alles ohne würdige Verabschiedung. Als wir damals durch das traurige Nest Gonabad fuhren, wo selbst die Englischlehrer kaum Englisch können, hätten wir nicht gedacht, dass hinter dessen dicken Lehmmauern solche Blumen verborgen sind. Es kommt eben immer darauf an, in welchen Kreisen man so verkehrt. An Wichtigem ist für diesen Tag nichts weiter zu bemerken. Wie kann es auch nach solchem Höhepunkt. Merkwürdig, wie schnell wir in unseren Gefühlen "iranisiert" werden. In Deutschland hätte uns das gleiche längst nicht so "vom Hocker gerissen". Auch die, für normale europäische Ohren so fremde, persische Musik riß uns schon sehr mit. Den ganzen weiteren Abend waren wir nur mit dem Tagebuch und dem Verdauen des Gesehenen beschäftigt.

Platz für UlKa oder JöJa und deren Impressionen: ......................................................................... (Wie man sieht, hatten diese Herren keinen Bedarf, sich zu rechtfertigen!).

1974-03-02 Wieder nicht geduscht, wir sind vielleicht Säue!

Heute haben wir wieder nicht geduscht. Dafür aber sind wir schon kurz nach 7 Uhr aufgestanden. Hier kann man irgendwie einfach nicht länger schlafen. Wenn ich da an meine verpennte Stimmung zu Haus denke, ist mir das unbegreiflich. Es ist jetzt halb 10, und ich bin wie gestern den ganzen Tag noch nicht aus dem Haus gewesen. Es gießt draußen in Strömen. Das wird ja ein Sommer im Iran werden. Man wird in Früchten schwimmen. Das ist fast ein Grund, wieder her zu fahren. Der durchschnittliche Regen für dieses Jahr ist bereits gefallen, und es gießt immer noch weiter. Hoffentlich gibt es keine größeren Überschwemmungen. Ich werde im nächsten Herbst mal schreiben, um den Ausgang der Ernte zu erfahren. Vielleicht können das auch meine Eltern mitteilen, wenn sie im Sommer hier durchkommen. Ich werde wohl erst wiederkommen, wenn ich für längere Zeit hier oder woanders an einem Orte verweilen kann.

... Wrömmmm ...

Heute am frühen Vormittag habe ich einen kleinen Spaziergang zur Werkstatt unternommen, um mich auch mal beim Wagen sehen zu lassen! Unterwegs jedoch wurde ich aufs liebenswürdigste von der Kindergärtnerin, der Soldatin und noch einem Mädchen in den Kindergarten eingeladen. Der Kindergarten konnte sich durchaus sehen lassen.. Jedes Kind hatte seine eigene, mit dem eigenen Bild gekennzeichnete Garderobe, sein Waschfach, mit Zahnbürste etc., ebenfalls mit Bild gekennzeichnet. Ein richtig schön autoritärer Kindergarten. JöJa kam auch noch hinein, bzw. wurde hineingezogen. Ich dafür habe mich abgesetzt, weil ich angeblich mit nach Gonabad fahren sollte. Daraus ist dann doch nicht viel geworden. So habe ich halt ein wenig mit den Leuten geschnackt und mir die Umgebung angesehen. Auch das Generatorhäuschen habe ich nicht ausgelassen. Ein riesiger Vier- und ein Sechszylinder Benz-Diesel tun dort unter Entwicklung höllischen Lärms ihren Dienst für das Projekt. Die Generatoren selber sind übrigens tschechischer Originalität, ein Werkstatt- oder Bergungswagen ist russisches Fabrikat, sonst sind die meisten Geräte wie z.B. John Deere, amerikanisch. Als ich die beiden anderen, also so zu sagen Dick und Doof zum Essen holen sollte, bin ich wieder im Kindergarten gelandet. Hier konnten wir sehen, woher die hübschen süßen Perserinnen ihre Tanzkünste beziehen. Hier im Kindergarten tanzten schon die Kleinen, auf autoritären Befehl hin für uns, jedoch nicht ohne Hingabe. Einige Fotos wurden von den süßen Dingern gemacht. Es war übrigens ein gemischter Kindergarten. Auch die Kindergärtnerinnen, die wir ja schon kannten, kamen mir in dieser Umgebung resolut und modern, wenn auch nicht gerade antiautoritär vor. Zumindest im Prinzip ist vieles an diesem Projekt, dem Spielzeug des Schah durchaus sehr gut, und der Kindergarten ist direkt gelungen. Jedenfalls leben die Kinder hier in einer einmalig geordneten Oase, verglichen mit dem, was man sonst an Bälgern aus dem Orient kennt. Ich habe irgendwann in meiner Wut auf dieses lästige Gesochs einmal die Kinder als die Pest des Orients bezeichnet, und war geneigt, mich einen Kinderfeind zu nennen. Hier wurde ich wieder bekehrt. Die Beköstigung zum Mittag ist hier auch frei. Jedes Kind aber kam hier mit seinem Teller erst zu uns und bot uns von seinem Essen an, und wir mussten bei jedem gesondert dankend ablehnen. So werden die Kleinen hier schon zu orientalischer Gastfreundschaft erzogen. Man versäume nicht, sich die Fotos dazu anzusehen! Als wir zum Essen gingen, öffnete die reizende Kindergärtnerin einen mit Belohnungsknabberkram prall gefällten Schrank, und gab uns jedem eine Packung iranischer Haselnußkekse. Manche deutsche Kleinstadt wäre froh über einen solchen Kindergarten. Übrigens, ein Spielplatz ist ganz in der Nähe. - JöJa hatte heute seinen ersten erfolgreichen Tag. Er konnte einen großen Berg Pläne abfotografieren, ein Grund für ihn 6 Pepsi auszugeben. Tagsüber schon hatte uns Farah besucht. JöJa ist nachher mit rüber gegangen, und hat weitere Musik geholt und einen Krug geschenkt bekommen. Er scheint bei der hübschen Hausherrin einen Stein im Brett zu haben. Da hat der Chef wirklich Geschmack bewiesen, als er sich seine Frau suchte. Das muss ich immer wieder konstatieren. Aber er selber ist ja auch "schwer in Ordnung". Abends bekamen wir unerwartet Besuch von dem Bankdirektor von Shahabad, Herrn Hosseyn Daghighi, der auch, wie schon bekannt, ein Pfundskerl ist. Er hat uns ja auch schon Empfehlungsschreiben für seine Freunde in Birjand und Chahar Bahar mitgegeben. Da hatten wir auch gleich den Fachmann, der uns die persischen Lieder aufschreiben konnte, nach denen gestern getanzt wurde., Diese Texte, jedenfalls zwei davon seien dem Tagebuch angefügt. Vielleicht schaffe ich es auch, sie zu übersetzen. Schwierig ist es für mich dabei vor allem, sie richtig zu lesen. Der Chef, Herr Hosseyn Arefmanesch (Gonabad - Shahabad 1, Tel. Mashad: 34643, Teheran: 843348) kam auch noch kurz auf einen Sprung zu uns herüber und half mir etwas beim Übersetzen der Lieder, musste aber bald wieder weg. Dafür kamen seine Frau Farah mit der Frau von Hosseyn Daghighi, dem Schlingel, der scharf auf die Lehrerin war. Wir hatten schon ein Gruppenfoto von uns und zwei von unserer Dienerseele gemacht und wollten nun auch die beiden weiblichen Gäste aufnehmen. Die aber zierten sich eine Weile, bis dann doch die weibliche Eitelkeit siegte. Leider blieb der holde Besuch nicht lange. Farah ist hier auch nicht eben glücklich mit ihrem Leben. Es ist hier halt doch recht langweilig, und sie hat hier nur ihre Kinder, der Mandana, Monia und Reza, den Kleinsten. Sie hat einmal durchblicken lassen, dass dies auch einer traditionell iranisch erzogenen Frau nicht genügt. Dabei haben es andere Frauen sicher viel schlechter als sie. Sie hat ja noch einen relativ modern eingestellten Mann.

Jetzt ist es schon spät, und das Abendbrot liegt schon hinter uns. JöJa liest Berufliches, und UlKa träumt süß von antiken Säulen und den beiden Süßen aus Gonabad, die er noch nicht ganz. vergessen konnte, was auch schlechterdings unmöglich für ihn ist. (Eben ist er wieder aufgewacht und hat erzählt, dass er irgendeinen seltsamen Traum mit Geldausgaben gehabt hätte.) Die ganzen Tage umdudelt uns schon persische Musik, die seit dem Tanzabend auch bei den beiden anderen Anklang findet, und regt uns zum Nachdenken darüber an, wieso die iranische Seele so schwermütig ist. Die Mädchen hatten gestern Abend bestimmt viel mehr gelitten als wir. Batul konnte für einen kurzen Augenblick nachweislich die Tränen nicht mehr zurückhalten, als es auf den Abschied zuging. Ja, was haben die Perser doch für tolle Frauen, die haben sie gar nicht verdient. Sie erlauben ihnen auch gar nichts und lassen sie vor Sehnsucht verschmachten. Schlägt dann doch einmal eine "über die Stränge", so kann sie gleich einpacken. Hier herrschen in dieser Beziehung noch recht archaische Sitten. Sie können sich lediglich heiraten lassen. Doch was dann? Dann sind sie für den Rest ihres Lebens eingesperrt ohne irgendwelche Aussicht auf Besserung, auf Abwechslung, auf irgendwelche Anregung zum Leben. Sie kann nur hoffen, in der Lotterie den richtigen Mann gewonnen zu haben, und dann hat sie da noch ihre Kinder und die gute iranische Küche, um Kummerspeck anzusetzen. Kein Wunder, dass die persische Musik, aber auch die moderne Lyrik und Prosa eine so unendlich tiefe Traurigkeit ausstrahlt. Die persischen Frauen zu befreien, wäre wirklich eine Aufgabe, für die man Idealismus aufbringen könnte. Ich glaube nicht, dass ich mit meinen Gefühlen soweit "iranisieren" könnte, dass ich den Männern hier in ihrer eifersüchtigen Missgunst ähnlich werden könnte, obwohl schon einiges Persische auf mich abgefärbt hat. Aber wir müssen hier schnellstens wieder weg, und zwar aus ganz anderen Gründen, weil nämlich hier das Essen viel zu gut ist, und ich beginne mit beängstigender Geschwindigkeit anzusetzen und dick und feist zu werden, womöglich gar so wie meine beiden Begleiter.

... hicks ... hicks ... hicks ...

Aber jetzt ist es schon kurz nach 12 Uhr, und damit wird der gestrige Tag zwangsläufig abgebrochen. Es muss nur noch festgehalten werden, dass UlKa sein Versprechen eingelöst und JöJa auf die rechte Arschbacke geküßt hat, als Gegenleistung dafür, dass dieser ihm Sahnebonbons aus dem Wagen geholt hat.

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Also ich soll noch schnell über meine guten Taten berichten. Neben permanenten Goodwill-Aktionen, sprich Bolchen verteilen an die Mechaniker, bestanden diese im Besonderen aus folgender Patsche: Ich fuhr mit unserem Chefmechaniker auf Probetour, da kamen wir an ein Wadi, das infolge des Regens viel Wasser führte, ich 2. und Allrad 'rein und einen Jeep umkreist, der recht schräg mitten im Wasser stand. Na, ja, ins Trockene gefahren, mit Müh und Not das Abschleppkabel fertig gemacht, wieder rein in die Scheiße. Der Fahrer turnte ziemlich auf seinem Fahrzeug herum, das Wasser war schließlich rund einen halben Meter tief, ich auf der Stoßstange. Ich warf ihm dann besagten Strick hinüber, er befestigte ihn, und ich turnte zurück ins Führerhaus. Dann Differentialsperre 'rein und den Jeep so schnell herausgezogen, dass es den Persern ganz anders wurde! Unser Mechaniker stand nur noch vor der Kühlerhaube, klopfte drauf und meinte guut Otoh, Deutsch Märzädäs! Die großen Busse von Mercedes rauschten hier übrigens mit mehr als 60 km/h durch die Furt, um nicht steckenzubleiben oder abgetrieben zu werden. So jetzt noch etwas zu unseren Traumfrauen: Also, ich hatte mich ja von vornherein auf die etwas unscheinbare Batul festgelegt, während die beiden anderen dem Atombusen von Razieh, der grünen Prophetenhose, mit der ich nichts im Sinn hatte, träumten. Der HoWa erkannte aber dann beim Tanze ihre wahren Qualitäten, so dass er auch zur roten Hose konvertierte. Das bringt nun Schwierigkeiten mit sich. Wir müssen uns jetzt immer, da wir ja Gentlemen sind, vorher absprechen, wer gerade diese Nacht im Traum mit ihr verbringen darf, wobei ich mit Mühe mein Erstrecht durchsetzen kann. HoWa hat auch vergessen, dass ich gestern mit JöJa wie wild am Fotografieren von Karten etc. und am Rödeln war.

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1974-03-03 ein Tag für JöJa's Examen!

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Also, da HoWa zurzeit in Gonabad ist, tippe ich gleich weiter. Heute Morgen standen wir, ohne zu duschen auf! JöJa schoß nach dem Frühstück gleich ins Büro rüber, HoWa machte sich mit dem nächsten LKW nach Gonabad auf, um Ersatzteile einzukaufen, Thermometer, Thermostat, etc. Ich ging, meine Taschen voller Bolchen, in den Kindergarten. Dort sang ich mit den süßen Kleinen um die Wette und wurde von den Kindergärtnerinnen nur so umschwärmt, die sich aber dennoch auch gelegentlich nach dem Apeman und dem Big Rödel erkundigten. Nach einer Weile angestrengten Kulturaustausches kam Bigbaby herein gestürmt, packte mich am Kragen und schleifte mich in einen Jeep, und los ging die Tour mit Aref. Wir fuhren ein bißchen über Land, besichtigten den Shahabad Airport und kamen dann an eine Stelle von der B.B. meinte "kein Problem". Und dann saßen wir bis über die Achse im Schlamm! Durch lautes Rufen wurden Hirten auf dem Felde aufmerksam, sie schwangen sich auf ihre BMWs und preschten ins Dorf. Auf dem Wege dorthin - zu Fuß - kam uns dann gleich ein Jeep mit dem Chefmechaniker entgegen und gleich darauf noch ein Trecker. Der Service war perfekt. Wir fuhren weiter und kamen an ein Wadi, nur diesmal von Wasser durchflossen. JöJa's Kommentar: "Da kommen wir durch!" Gott sei Dank kam ein Mann gelaufen, der unsere Weiterfahrt verhinderte. Beim Fotografieren am Ufer wäre JöJa dann doch um ein Haar im Schlamm versunken. Na ja, wir fuhren zum nächsten Haus, und der Bewohner wurde beordert, uns Zuckermelonen zu servieren, was er dann in Grundstellung auch tat. Der Aref regiert hier halt wie ein König.

Nachsatz: Nur auf Drängen Arefs wurde der Versuch unternommen, das 1. Schlammloch im Anlauf zu nehmen! Die Zuckermelone waren übrigens ausgezeichnet. JöJa's Film war inzwischen auch im Eimer, so dass wir gegen Mittag etwas verunsichert ins Dorf zurückkehrten. Nach dem Essen wollte Aref uns dann wieder abholen. Vor dem Essen dösten wir noch ein bißchen und dann kam es: gefülltes Huhn á la Stroganov" Pommes Frites, Klopse á la Shahabad, Zwiebeln á la Piaz, dampfendes Fladenbrot, Quellwasser und das Lächeln unseres Boys, wie in 1001 Nachtschlemmerei. Na ja, nach dem Essen kam dann HoWa, der froh war, dass er nicht hatte zunehmen müssen an. Leider hatte er in Gonabad nichts Positives erreicht, weder ein vernünftiges Thermometer noch ein Date mit Batul hatte er besorgt. Doch jetzt kann er selber weiter tippen.

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Ach, dass selbst im Urlaub immer so viel von einem verlangt werden muss. Die Leute hier haben da viel mehr Zeit. Die Fahrt nach Gonabad ging ja noch einigermaßen schnell vonstatten, schlechter stand es da schon mit dem Einkauf. Der einzige Laden, der in Frage kam, war geschlossen, weil der Besitzer gerade eben zur Bank musste. So wartete halt die versammelte LKW-Mannschaft vor dem Laden, bis sich nach geraumer Zeit etwas tat. Die Sache mit dem Thermostaten ging prompt nicht. Das gibt es in Gonabad halt nicht. Ein Kühlwasser-Thermometer war vorhanden, sah aber leicht anders aus als das unsrige. Man sagte uns aber, es gäbe nur die eine Sorte und meine Begleiter, die ich dummerweise für Sachverständige hielt, überredeten mich, das Ding zu kaufen.

Damit war der Aufenthalt in Gonabad zu Ende und es ging wieder nach Birdocht, wo in einer kleinen Gasse ein LKW des Projektes mit unnachahmlicher Trägheit beladen wurde. Man sagte uns, dieser Wagen würde in einer halben Stunde fertig, und dann könne ich mit zurückfahren. Ansonsten könnte man ja auch einfach den nächstbesten LKW anhalten, der Richtung Shahabad führe. Aber so eine halbe Stunde in Birdocht wäre ja auch nicht schlecht, so blieb ich. Nach dieser ½ Std. hieß es wieder ½ Std. und dann wieder. Die Leute scheinen hier gar kein rechtes Zeitgefühl zu haben. Zwischendurch gingen wir in ein Teehaus, standen noch auf der Straße herum, und ich fand auch noch Zeit, einen jungen Perser kennenzulernen. Insgesamt waren 5 x ½ Std. vergangen.

Der Jüngling aus Birdocht kam übrigens nicht aus Birdocht, sondern aus einem kleinen Dorf namens Boznabad bzw. aus dessen Schwesterdorf Modjavery und ging hier zur Schule. Was mir gleich auffiel, war, dass er verhältnismäßig gut Englisch konnte, und das lag daran, dass unser Gholame Reza, so hieß der Knabe (oder war doch Modjavery sein Familienname, und hieß das Dorf doch anders?), nicht bei einem der katastrophalen iranischen Englischlehrer Unterricht hatte, sondern bei einem jungen Amerikaner namens Paul Barker, der sich jetzt in Schiraz aufhält (Postfach 581). Er zeigte mir auch einen Brief, den sein ehemaliger Lehrer vom Peace Corps ihm geschrieben hatte. Der erkundigte sich darin angelegentlich nach dem Erfolg des Projektes in Shahabad und danach, ob die Bauern damit wohl zufrieden seien. Diesem Mann hat das Peace Corps, dem ich sonst eher skeptisch gegenüberstehe, zweifellos einen guten Dienst erwiesen. Gegen 2 Uhr war ich wieder in Shahabad. Es war direkt gut, einmal nicht Mittag gegessen zu haben. Bei dem guten Essen überfresse ich mich sonst immer.

Nachmittags kam Aref um uns zu einer Rundfahrt abzuholen. Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass die Kühlwasseranzeige tatsächlich nicht funktionierte. Beides ging nicht. Ohne Temperaturanzeige und mit ungeregeltem Motor kann man nicht fahren. Eines von beiden ließe sich noch verkraften. Das Problem wurde vertagt. Jetzt ging es erst über Land. Nach den schweren Regenfällen in letzter Zeit waren die Straßen teilweise auch für den Landrover unangenehm und kaum passierbar. Man kann nicht sagen, dass Aref ein guter Geländefahrer ist. Dennoch hat er manchmal ganz schön auf die Tube gedrückt. Bei mancher dieser Strecken hätte der Unimog schon Kopf gestanden. Der Landrover ist halt für schlechte Wege doch bequemer und schluckfähiger. Über die Schlammlöcher allerdings hätte unser Wagen nur gelacht. Nun, wir müssen da ja auch noch durch, denn der Weg führte ein Stück auf der Ostpersischen Meridionalstraße Richtung Birjand. Nach einer Biegung trauten wir unseren Augen nicht zu glauben. Da stand doch tatsächlich ein Schild mit dem Hinweis Campingplatz 1000 m. Genau wie in Deutschland und dann noch eines mit 500 m. Aref gestand uns, dass er sie selber geschrieben hätte. Überhaupt ist der Campingplatz sein ganz persönliches Werk. Ich kenne sein Gebiet zwar noch nicht bis in den letzten Winkel, aber glaube doch sagen zu können, dass er den besten Fleck ausgesucht hat, den er finden konnte. Wenn alles fertig ist, wird der Platz mit einem großen und weiter oben noch mit einem kleinen Swimmingpool, inmitten von Wein und Granatapfelbäumen liegen. Teilweise unter dem Schatten alter Platanen, am Hang mit Überblick über das gesamte Tal. An den Berghang wird nach hinten als Sichtblende Wald angepflanzt. Es stehen auch schon Wochenendhäuser und sanitäre Einrichtungen zur Verfügung. Hosseyn (Er heißt nicht Aref, sondern Hosseyn Arefmanesch) zeigte hier seinen Traum, er will das Tal von Shahabad in ein modern eingerichtetes, grünes Tal verwandeln.

Eine wichtige Einnahmequelle sind auch die Safranfelder. Der Kilopreis von Safran, einer Zwiebelpflanze, liegt sehr hoch, über 1.000 Toman (∼ 400,- DM). Allerdings bringt ein Hektar auch nur 4 Kilo in dieser Gegend und ist sehr arbeitsintensiv. Die Ernte der Safranblüten ist im September oder Oktober, die Zwiebeln aber können sieben Jahre auf dem gleichen Feld stehen. Die Safranfelder erkannte man an ihrer leuchtend grünen Farbe, in dieser noch braunen Umgebung. Aber auch hier macht sich schon der Frühling bemerkbar. In zwei Wochen ist hier alles grün.

Als wir mit dem Cheflandrover einen Hügel erklommen, auf dem ein Friedhof angelegt war, meinte Hosseyn: "In Europa würde auf einem solchen herrlichen Platz, mit so weitem Ausblick, vielleicht eine Villa stehen." Das Land befände sich halt gerade zwischen Tod und Wiedergeburt, meinte er. Kurz vorher hatte er uns gerade brühwarm die Hiobsbotschaft mitgeteilt, die ihm überbracht worden war: Da dieses Projekt als eines der wenigen wirklich gut lief, hat man ihm telefonisch aus Teheran in Aussicht gestellt, nach Sistan, also in einen noch weit finsteren Winkel versetzt zu werden. Er sollte dort Chef von 3 Sherkaten werden und 10.000 Toman (4.000 DM) mehr erhalten, eine beachtliche Beförderung. Doch die 3 Projekte in Sistan und Belutschistan hatten viel schlechtere Voraussetzungen und liefen gar nicht recht. Er hätte dort noch einmal ganz von vorne anfangen müssen und seine Arbeit hier würde vielleicht nicht richtig fortgeführt, auf jeden Fall nicht der Campingplatz. Denn für so weitblickende Projekte haben die meisten noch nichts übrig. Außerdem könnte es ihm leicht so gehen, wie Herrn Dastchosch, dem Herren, den wir hier eigentlich besuchen wollten, und dem auf Grund dieser schrecklichen Einsamkeit hier, schon die Scheidung von seiner hübschen deutschen Frau ins Haus steht. Frau und Kindern kann er das eigentlich gar nicht zumuten. Nun, das letzte Urteil ist noch nicht gesprochen, und wenn Hosseyn mit seinem Rücktritt droht, lenkt sein oberster Chef vielleicht doch noch ein.

Von da aus ging es auf Scheiß- und Schlammpisten nach Shahabad II. Man sieht dem Ort richtig an, dass Hosseyn hier schon seit längerer Zeit am Hebel sitzt. Hier wirkt tatsächlich alles viel ruhiger, großzügiger, angenehmer. Mehr Grün, mehr Ordnung. Wenn auch die Häuser, die gleichen wie in Shahabad I, ein wenig an Klein-Sibirien erinnern, so merkt man doch, dass der Ort noch ganz auf Wachstum ausgelegt ist. Sicher ist, das dieses Sherkat den umliegenden Dörfern und Gemeinden gegenüber im Vorteil ist. Wir haben uns schon ausgemalt, was hier in Zukunft geschehen wird. Der Laden läuft so gut, dass wohl bald Gonabad eingemeindet wird und Mashad bleibt dann auch nicht mehr so lange selbständig. Unter dieser Machtkonzentration im Osten wird dann der Westen nebst Teheran zusammenbrechen und aufgesogen werden. Und irgendwann sind wir in Deutschland dann auch dran. Wie gut, dass wir Hosseyn schon kennengelernt haben.

Da es auf der Rückfahrt schon dunkelte, bekamen wir eine Eskorte bestehend aus einem Hirten, der auf seinem russischen Motorrad wie der leibhaftige Teufel durch das Gelände ritt, gestellt, damit der Chef nicht evtl. irgendwo bei, Nacht und Nebel stecken bleibe. Als Chef hat er hier noch eine starke Stellung. Alles erschauert und erhebt sich vom Platze, wenn er den Raum betritt. Und man beeilt sich, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Wahrhaftig, hier ist die autoritäre Welt orientalischer Potentaten noch in Ordnung. Abends besuchte uns Hosseyn noch mit einer Flasche Wein, die letzte, die er noch hatte, in unserem Kabuff. Der schwere Ghaswiner Wein belebte schon in kleiner Menge die Geister und das Thema war mit der Studentenzeit des Hausherrn und seinen Erlebnissen mit deutschem reinen Wein und deutscher Küche wieder dort, wo es Hosseyn am liebsten hat. Er scheint allerdings auch Glück mit seinen deutschen Wirtseltern gehabt zu haben. Vielen Persern geht es in good old Germany ganz anders. Die Farah scheint ja richtig verliebt in unseren blonden Germanen zu sein. Sie erschnorrte sich ein Bild von JöJa und drückte es die ganze Zeit an ihren Busen. Kurz vor Einschlafen entstand dann noch dieser gräßliche Live-Einschub, von dem ich mich weit distanzieren möchte.

Live Einschub ...

JöJa: UlKa, diese linke Titte, liegt im Bett und leiert uns wieder einen seiner ausgeflippten Dididelidadit-Songs unter die Vor..... Zwischendurch versucht er, uns 'ne Klinke an'nen Sack zu labern. Soeben schlägt unser Rattenbaby vor, zwei Backsteine ins Bett mitzunehmen, damit er endlich wieder einmal was weiches zum Drücken habe. Il n'est pas á sauvernotre petit flippe.
HoWa: UlKa bemerkte soeben "HoWa ist ein Windeigelantineetwas, weil er meint, er hätte keine Persönlichkeit".
UlKa: Ich schlug vor, die Steine zum Lichtausmachen á la Ostfriesland mit ins Bett zu nehmen, und nicht zum knutschen!
HoWa: Das ist wieder typisch für UlKa, diese fette Schleimratte... 
UlKa: HoWa, diese Bemerkung war zu viel! Du alte Qualle, ach neh, es tut mir leid um dieses süße Tierchen, Du - Du ... Du Glitschmaul, laß doch endlich Deine Schlammgrabbler von den Tasten! 
HoWa: JöJa steht mir bei und meint, UlKa sei ein alter Kackdamfer!
UlKa:  Mich stört überhaupt nicht, was so ein alter BW-Trottel so einherlabert, soll er doch seinen Schwanz selber ablecken!
JöJa: Ich spring Dir gleich ins Bett, Du alte Scheißmatte. Manchmal sieht unsere alte Pißnelke aus wie Speedy Gonzales, die Wüstenspringmaus, Du abgelutschte Ratte.
UlKa: Du schwammiges Nilpferd, bleib' doch in Deinem stinkenden Pfuhl.
JöJa: Von Dir 21jährigem Katzenficker laß ich mir doch gar nichts sagen, laß Dir da unten erst mal was wachsen...
UlKa: Du ostfriesisches Mastschwein. Sieh Dir diesen Lustbolzen an.
JöJa: Dir stinkenden Koyoten ...... Er sitzt auf seiner Lustwiese und giert in die Gegend. Gestern hat er noch an die rote Hose gedacht, heute denkt er schon an die rote Dose und morgen die rote Pfose!
UlKa: Darf ich Dich darauf aufmerksam machen, dass das Tagebuch sich in meinem Privatbesitz befindet und keine Zensur stattfindet! 
JöJa: Gewalt geht vor Recht. Meinste, dass ich mit Dir ausgeflippten Gartenzwerg nicht fertig werde?! Scheiß Tagebuch, das wird halbiert und aufgezogen und ins Scheißhaus gehängt! Wenn ich Euch so sehe, wird mir ganz braun um den Mund, braune Akribie! Jetzt mach' diese Pissbeleuchtung aus! Mach' meinetwegen die Onanisten-Beleuchtung an.

Ein Persisch Lied ...

Ein Persich Lied ...


1974-03-04 Ein Korsi ist ein Metallgestell mit einer Decke drüber...

Wir standen mit Duschen auf! UlKa hat heute verkündet, dass er mit dem Möbelwagen nach Mashad fahren und dort für uns Teile einkaufen will. Der Schlingel, der hat bestimmt ganz andere Dinge im Sinn, seit Hosseyn erzählt hat, dass es an der Uni in der heiligen Stadt ebenso locker zugeht, wie in Teheran oder Hamburg. Nun, uns soll es recht sein, Wir bekommen unsere Teile, und die Post nimmt er auch mit.

... Husch

Als die beiden Störer heute früh den Saal verlassen hatten, kam übrigens unsere Hausherrin zu mir in die Audienz. So langsam wird mein Farsi zur Sprache. Heute ging es schon so leidlich. Sie erzählte übrigens, ich sähe aus wie Horst Buchholz, was nebenbei ganz unwahr ist, und Horst Buchholz sei sehr schön. - Ach so. Überhaupt seien JöJa und ich sehr hübsch, UlKa aber sehr häßlich. Der häßliche UlKa hätte eine hübsche Freundin, der schöne JöJa aber eine umso häßlichere. Ich halte mich mit meinen Freundinnen hier lieber zurück. Mein schütterer Haarwuchs allerdings wurde bemängelt. UlKa sei "cheily narahat" = sehr unruhig, hibbelig sagte sie, wohin zu ich noch "tane gonde" (= gefräßig) fügte. Gleich kommt jetzt das Mittagessen. UlKa würde es sich ja gerne verkneifen, doch der Geist, sofern man bei ihm von einem solchen sprechen kann, ist schwach. (Das Fleisch ohnehin!).

Gegen Nachmittag jenen Tages haben sich JöJa und ich aufgemacht, die Wohngegend zu erkunden. Als erstes stand auf der Liste die Ladenstraße des Ortes, bestehend aus vier kleinen Kabäuschen, einer Metzgerei, Bäckerei, einem Laden für abgepackte Artikel und einem für lose Waren auf unserem Programm. Hier trafen wir wieder auf die Kindergärtnerin und die Soldatin. Diese animierten uns, allein schon durch ihre Anwesenheit und mehr noch durch ihre Vorschläge, zum Kauf von ½ Kilo teuren Tees, der in Gilan, er Provinz im Westen am Kaspisee angebaut sein soll. Während JöJa sich alles fein säuberlich notierte, was hier gespielt wurde, umstanden uns schon Scharen von Kindern, die nur von den Ladenverwaltern und Verkäufern noch in Schach gehalten wurden. Als wir uns dann aber in das offene Schlachtfeld wagten, umwogt von einer dicht gemauerten Menge quirliger Schulkinder, da mussten wir uns schon anstrengen, um die Wänster bei Laune zu halten. Ich durfte einigen, und das waren immer noch genug, ihren Namen in lateinischer Schrift auf ihre Schulbücher schreiben, womit sie dann in der Schule protzen würden.- Die Wohnungen hier sind alle im Einheitsstil erbaut.

Die Bewohner haben es aber nicht ganz lassen können, ihre alten Sitten beizubehalten, mit Haltung von Ziegen und Schafen. So sah es dann ganz lustig aus, die modernen Häuser mit den altertümlich wirkenden Lehmanbauten. Mir geht das Interesse bei solchen Ausflügen recht bald flöten. Die vielen Kinder machen mich müde. So wollte ich schon zurückgehen, als JöJa rief, ich solle doch schnell mal herkommen. Ein alter Mann im Turban hatte ihn und damit auch mich eingeladen, sein Haus zu betreten. Nun, es hatte sich schon herumgesprochen, dass ein großer Klarer aus dem hohen Norden sich für die Lebensweise der Leute hier im Projekt interessierte und persönlicher Gast des Chefs ist. Sonst hätten wir die Möglichkeit vielleicht nicht gehabt. Im Hause waren seine Tochter und seine Schwiegertochter dabei, einen Teppich zu knüpfen, und wir durften einige Zeit ihre schier sagenhafte Geschwindigkeit bewundern. Während es den unvermeidlichen Tee gab, durfte ich zum ersten Mal in meiner bisherigen Laufbahn einen echten Korsi bewundern. Das ist ein Metallgestell in der Form eines Quaders, über das eine dicke Decke gelegt wird. In diesen Quader wird dann ein Becken mit Holzkohlenglut gestellt. In kalten Winternächten kriecht dann die ganze Familie sternförmig unter die Decke, um wenigstens einen warmen Unterleib zu haben. Aber die Schädigungen durch Kohlenmonoxid (CO) dürften nicht gering sein. Man zeigte uns aber Beine, die eher Einwirkungen von Kälte zeigten. Sie wiesen Spuren von Gicht und Rheuma auf. Es sei in diesem Jahre ein besonders kalter Winter gewesen, sagte man uns, mit fingerdickem Eis an den Fenstern usw. Ansonsten verstand ich die Leute hier nur sehr schlecht, weil sie entweder sehr undeutlich oder aber einen Slang sprachen. Vielleicht auch beides. Auf dem Rückwege trafen wir Hosseyn Daghighi, unseren Bankdirektor. JöJa hatte dieses verrückte Huhn schon für den Abend eingeladen. Am Abend dann war JöJa so kaputt, dass er zu nichts mehr fähig war, als zu einigen Fotos. Ich habe dafür wider meinen Willen ein Geschäft gemacht. Hosseyn war scharf auf meinen Bundeswehrparka mit Versorgungsnummer und allen Emblemen und wollte ihn abkaufen. Ich wollte ihm einen für 125 Toman aus Deutschland schicken. Er aber blätterte 150 Toman auf den Tisch, und da konnte ich nicht mehr recht widerstehen und schlug das leicht verdreckte Ausrüstungsstück los. Dollars wollte uns Hosseyn so aus der hohlen Hand aber nicht wechseln und vertröstete uns auf morgen früh in der Bank. JöJa hatte nämlich wieder nicht vom Teppichkauf zurückstehen können und einen recht schönen und einen etwas einfacheren für zusammen einen recht günstigen Preis erstanden. Gehandelt hat für ihn unser Diener, dieser Fuchs, der viel schlauer ist, als er dreinschaut. Der etwas bessere Teppich hätte mich auch schon reizen können. Aber was soll man machen, wenn man kein Geld nicht hat!

Unser Diener hat unter sich übrigens noch einen weiteren Diener, der die letzte Dreckarbeit macht. Dieser alte Mann, dessen Erscheinung allein schon rührt und Mitleid erweckt, redet, sooft er mit mir spricht, nur noch von Herrn Dastchosch, seiner Frau und seiner Tochter. Er fragt, ob und wann dieser Herr zurückkommt, wie weit es von hier nach Deutschland ist, und dass die Leute alles hier verkauft hätten, dass Herr Dastchosch auch so einen Teppich mitgenommen hat, wie es der bessere von JöJa's beiden war. Vielleicht war dieser Mann ja mal bessergestellt unter Herrn Dastchosch und vielleicht bedeutete dessen Weggang von hier seinen sozialen Abstieg. Genau habe ich das nicht herausbekommen.

Noch eines muss hier gesagt werden. Schon am ersten Abend hatte Hosseyn uns Durchgefrorenen den Floh von Chahar Bahar ins Ohr gesetzt. Chahar Bahar sei ein Ort am Golf von Oman, dicht an, der pakistanischen Grenze, mit auch im Winter sehr warmem Klima. In der Nähe gäbe es Sümpfe mit Krokodilen, und der Strand unter Palmen sei weiß wie die Haut von Schneewittchen, breit und von rassigen Teheraner Schönheiten bevölkert. Ein Badeurlaub, ja das war etwas für uns wintermüde Globetrotter. Nun, wir werden es versuchen, dort hinzufahren, aber wer weiß, wie es dort wirklich aussieht und ob wir etwas anderes außer Baugruben zu Gesicht bekommen werden.

1974-03-05 UlKa wird Meshedi !

Was herrscht doch für ein Friede und eine himmlische Ruhe hier, wenn UlKa nicht hier ist. Nun, der war bestimmt schon auf dem Wege, ein SiMeUlKa zu werden, doch das zu beschreiben ist dann seine Sache. Wir waren gegen 10 Uhr mit Herrn Daghighi verabredet, der uns Teppiche aus Birjand zeigen wollte, damit wir statt der günstigen von gestern lieber bessere aus Birjand kauften, die dann aber gewiss auch sehr viel teurer würden. Zunächst aber bekam ich wieder Besuch von Farah, als JöJa in der Schule war. Eigentlich hätte ich ja mitgehen sollen, aber die Audienz und diesmal ganz alleine wollte ich dann doch nicht verpassen. Ist Frau Dastchosch vor 1 ½ Jahren fast zerbrochen, als JöJa und Kumpanen abfuhren, so kann auch Farah eine gewisse Trauer über unsere für den nächsten Tag festgelegte Abreise nicht verhehlen. Sie mag den Ort hier gar nicht und verbringt auch die Hälfte ihrer Zeit in Mashad bei ihren Eltern. Inzwischen richtet sich Hosseyn, diesmal Arefmanesch selber für sich und seine Frau eine Wohnung in der heiligen Stadt ein. Als JöJa dann kam, gingen wir zum Bankdirektor von Shahabad, wo wir zwar keinen Teppich zu sehen bekamen, aber dafür Bananas, Apfelsinen und einen gräulichen Wasserkaffee. Wir sollten stattdessen lieber am Nachmittag wiederkommen. Zwischendurch beim Mittagessen gab es zum ersten Mal seit den denkwürdigen Festen wieder Reis, weißen, lockeren, leicht fettigen Reis, wie es sich für den Iran eigentlich geziemt. Am Nachmittag war der Bankhosseyn aber schon abgefahren, ohne uns Bescheid zu sagen. Dabei wollte er doch mit uns nach Birjand fahren. Komische Leute hier, komische Sitten, komisch, komisch! Gegen Nachmittag holte mich der Chefhosseyn von unserer Wohnung ab ins Büro, wo JöJa schon bereit saß, um Fragen zu stellen. Es ist bewundernswert, welche Geduld Hosseyn aufbrachte und mit welcher Ruhe er alle Fragen beantwortete. Ich wäre da wohl schon längst ausgeflippt. Er ist schon ein toller Kerl, unser Chef. Zwischendurch kam UlKa hinein geplatzt und erzählte nebenbei, dass einige Kästen Bier mitgekommen seien, nebst einer Flasche Whiskey. Na, das wird ja wieder ein netter Abend. Sie kamen dann gegen spät mit einem Haufen Bierflaschen zu uns herüber. An diesem Abend hat Farah endlich etwas für unser Tagebuch geschrieben, in dem sie mich z. B. einen Teufel nannte. Nun, hierzulande ist die Bedeutung dieses Wortes leicht zweideutig. Aber mit der Ausdeutung des Textes werde ich noch zu tun haben. UlKa gefiel ihr an diesem Abend wieder gar nicht!

Fremdbeitrag von Farah Arefmanesch ...

Fremdbeitrag von Farah Arefmanesch ...

Am Mittwoch Abend saßen wir beisammen und tranken Wein. Da kamen abends, 21.30 Uhr drei Reisende zu uns. Der Anlaß ihres Besuches war die Freundschaft zwischen, Herrn Dastchosch und einem von ihnen. Sie zeigten sehr viel Interesse am Iran.

Obwohl ich ihre Sprache nicht verstand, verbrachten wir dennoch einen schönen Abend. Sie hatten sich mit meinem Mann auf Deutsch unterhalten. Shahabad fanden sie sehr schön und stellten uns einige Fragen über den Ort.

Aus Anlaß ihres Besuches gaben wir eine Party, die sehr lustig wurde, da sie gern persische Musik hörten, besonders HoWa.

Ich wünsche, dass UlKa eines Tages ein guter Musiker wird und JöJa ein großer Tourist (wörtlich Weltkenner).

Weiterhin hoffe ich, dass die Freunde eine gute Erinnerung von meinem Mann, mir und Shahabad behalten werden.

Horst Walther, Hamburg,