Istanbul, 11-02-74

Liebe Re

Hier in Istanbul sind wir also schon. Gestern Abend sind wir hier angekommen. Der wunderbare Charakter dieser Stadt liegt ja auch zu einem großen Teil darin begründet, dass man von hier aus entweder zu großer Fahrt startete oder aber eine solche hinter sich hatte und voller Erwartung wieder gen Heimat fuhr. Diesmal ist das mit der Erwartung aber nicht mehr so großartig. Kurz nachdem wir Euch in Belgrad abgesetzt hatten, sind wir erst wieder zu der Tankstelle gefahren, bei der wir auch letzten Sommer mit Thomas waren. So mit Blick auf Beograd bei Nacht und so. Man ging wieder ans Basteln, oder "Rödeln" wie es bei uns populär heißt. Besonders bei dem JöJa gewinnt man so langsam den Eindruck, dass dieses Rödeln wichtiger ist, als alles, was eine Reise sonst noch zu bieten hat. Und WoZi war es dann, der als Erster die Besorgnis äußerte, dass diese Fahrt nicht mit sondern für den Unimog gemacht werde. Um diese Aussage zu unterstreichen, führte er handfeste Zahlen an. Dass der Wagen bisher z. B. schon ca. 5.000,-- DM gekostet hat, die jetzt schon verbraucht sind (Proviant ist darin enthalten), dass wir aber für die weitere Reise von Istanbul und wieder bis dahin zurück nur noch ca. 400,-- DM in der Reisekasse hatten und das für alle Ausgaben, die noch kommen können. Jede mittlere Reparatur könnte uns alle weiteren Reisepläne vereiteln. Das sind keine besonders erfreulichen Aussichten! Verwunderlich allerdings ist auch, dass solche Erhebungen erst jetzt an das Ohr der Allgemeinheit dringen und gerade der kritische WoZi, den wir alle mit seinem ausdrücklichen Willen zum Kassenführer gewählt hatten, erst jetzt mit solchen ernsthaften Rechnungen aufzuwarten hat. Als wir dem JöJa das so explizit vorgerechnet hatten, dass wir mit knapper Not gerade noch bis Shahabad kommen können, wollte er von so niederschmetternden Nachrichten nichts wissen und vor allem die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen, dass wir, wenn all dem also ist, einen unheimlichen Bock geschossen haben. Nach Shahabad hätten wir mit einem VW -Bus viel billiger und besser, auf jeden Fall mit weniger Auf wand kommen können. Ganz davon abgesehen hätte ich eigentlich alleine fahren müssen, denn UlKa kam nur wegen des Iraks und der eventuellen Indusgebiete mit und ich nur wegen Oman, und schon Beluchistan war mir kein vollwertiger Ersatz mehr.

WoZi aber ist mehr an so einer Reise überhaupt interessiert, als speziell an jenem Projekt in Persien. Auf jeden Fall wäre er nur deswegen, nur mit JöJa und nur im VW - Bus nicht mit dorthin gefahren. Also wäre es ohnehin das Beste gewesen, JöJa wäre alleine mit Bus und Bahn dorthin gefahren. Das aber hätte er auch wieder nicht getan, weil es ihm wohl doch mehr auf den Wagen ankam und er eine solche Reise wohl als sozialen Abstieg empfunden hätte. Nun muss man wohl zu seiner Entlastung sagen, dass er wohl ziemlich auch von dieser windigen Type des Dozenten Scho verschaukelt worden ist, den eigentlich ist der Gedanke an Oman nie realistisch gewesen. Nur bin ich Blödmann nicht frühzeitig genug dahinter gekommene jede Kritik aber wertet der als persönlichen Affront und reagiert gereizt. Er flüchtet sich lieber wieder in detailhafte Basteleien. Den WoZi als sensibelsten von uns Vieren nimmt es ziemlich mit, da er sich so nicht mehr ganz mit der Reise identifizieren kann und den Gedanken an Umkehr hat er versteckt schon vorgebracht, auf jeden Fall entwickelt er keinen Elan mehr. Auch den körperlichen Anstrengungen ist er nicht mehr so recht gewachsen oder besser: noch nicht. Und so war der Grund dann halb seelisch, halb organisch als WoZi uns gestern mitzuteilen hatte, dass er eine Blinddarmreizung hätte. Er sagte auch etwas von Schmerzen. So mussten wir gestern Abend also noch ein Krankenhaus suchen. Das war nicht weiter schwer. Der Manager des Puddingshop schickte uns gleich zum "Alman Hastasanesi", dem Deutschen Krankenhaus am Taksim. Das war eine recht lustige Sache, in einer winzig kleinen Seitengasse lag die schäbige Pforte mit der oben beschriebenen Aufschrift. Aber angeblich ist dieses Krankenhaus berühmt und das Beste von ganz Istanbul. Da es schon Abend war wurde nicht mehr untersucht aber wir alle bekamen die Gelegenheit im Hof des Hospitals in unserem Wagen zu schlafen. Es war herrlich mitten in dem Amüsierviertel um den Taksim eine so ruhige Ecke zu finden, unter Bäumen mit Toilette. Am nächsten Morgen haben wir mit einem Deutschen Arzt geredet Dr. von Wolf, der uns erzählte, dass dieses Krankenhaus bei weitem nicht mehr das Beste sei und eigentlich als Privatkrankenhaus gar keine Existenzberechtigung hat. Aber wir fanden es gut ... genau hat, das wissen wir noch nicht recht, es scheint aber doch mehr etwas mit den Nieren zu sein, denn er hatte Blut im Harn. Auf jeden. Fall haben wir unser vorläufiges Abfahrtsdatum auf übermorgen Abend datiert. Zwei Mitfahrer müssen wir uns auch noch suchen sonst haben wir nämlich nicht genug Fahrgeld. Am besten wäre gewesen, wenn. Ihr beide gleich weiter mitgefahren wäret.

Aber Istanbul gefällt mir schon wieder sehr gut und das auch ist es, was mich zurzeit hochhält. Wir sind hier zurzeit meinem Mechanikerviertel bei einem netten Workshop und lassen unseren hinteren Tank flicken. Es ist wirklich schade1daß ich nicht mehr Türkisch kann. Die Leute sind hier so nett und die Unterhaltung ist so schon sehr angeregt und herzlich. JöJa ist natürlich am Rödeln, UlKa spielt z.Zt. unheimlich künstlerisch auf seiner Gitarre und WoZi geht es schon wieder einigermaßen.

So weit, so gut - später mehr!

Dein HoWa

Horst Walther, Hamburg,