Durch die Wüste

23.02 Es geht los: Wüste, Piste & Ruinen

Der Tag, an dem die Piste begann. Gleich nach dem Aufwachen habe ich mich ans Steuer gesetzt und darauf verzichtet, die Leute da weiter hinten zu behelligen. Der Wagen zog an diesem Tage aber keine Wurst von Tisch. Zugegeben, die Strecke führte leicht bergauf, aber in den 3. Gang deswegen schalten zu müssen, ist doch allerhand. Der Vergaser war wohl wieder einmal verstopft. Als es dann aber kurz vor Nain wieder bergab ging, war die Leistungsstörung wieder wie ein Spuk zu Ende. Zum Frühstück hielt ich in Nain auf einem freien Platz inmitten der Stadt, wenn man die so nennen darf. UlKa ging unterdes auf Suche nach der Post, was nicht ganz einfach gewesen sein soll. Aber solche Dinge kann er selber zu Papier bringen. Auch JöJa hatte wieder seinen Kopf. Er wollte unbedingt eines der Rücklichthalter wieder fest schweißen lassen, welche bei Piste doch wieder abbrechen sollten. So mit Draht festgebunden ging es doch auch, und die Birnen waren sogar noch weniger gefährdet durch Vibrationen. Von jetzt ab fuhr JöJa mit Hugh und UlKa, und ich versuchte verzweifelt zu tippen, was aber nur teilweise gelang, da die Straße immer schlechter wurde. Schließlich machten wir Big Baby den Vorschlag doch einmal auf die neue Straße zu fahren, die nebenher lief und wunderbar ausgebaut war. So, manches muß man ihm halt erst befehlen. Die Landschaft wurde schon immer wüstiger. Man sah überall Qanate und deren hübsch gebaute Endpunkte. In einem Ort wollten wir einen Tee trinken, aber das war ein Reinfall. Die Leute hatten gar kein Interesse, uns zu bedienen. Na. dann eben nicht. Das hat aber nicht gehindert, den armen Pierre mit dem Absingen schmackiger deutscher Volks- und Seemannsweisen zu plagen. Das zog sich so hin, bis irgendwann abgebogen wurde, und die Piste begann. So eine gute Piste habe ich lange nicht gesehen. Das war doch gleich ein ganz anderes Gefühl. Eine unendliche Piste vor uns.

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Das Karavanserail - Grundriss

So jetzt habe ich Zeit, ein paar Worte einzufügen. Der HoWa dichtet uns beiden Armen immer die schlimmsten Verbrechen an. Aber seine eigenen übergeht er in ein paar Zeilen oder ganz. zum Beispiel die Sache mit dem unverschämten Sexphoto, das all die unberührten Mädchen in Shahabad schockte und uns, besonders natürlich ihm, abgeneigt machte, oder die Geschichte mit dem verdammten falsch montierten Ölfilter, der uns beinahe ruiniert hätte und nur von mir in selbstlosem Einsatz repariert werden konnte. Zum andern erzählt er immer den Persern Stories in persisch über uns, so dass alle lachen und ich ' und JöJa dumm aus der Wäsche gucken und nicht wissen, was gespielt wird. Von seiner grenzenlosen Faulheit, er liegt schon wieder auf dem Bett und träumt von Slips und Unterröcken, hat man ja schon öfter in diesem T.B. vernommen. Der arme JöJa kriegt trotz seiner Größe bald einen Minderwertigkeitskomplex.

Der HoWa ist so ein richtiger Säemann von Zwietrachtskörnern, er selber nennt das diplomatisch sein - dieses Schwein (das reimt sich nämlich auf sein!) Tja, es soll hier nun aber nicht der Eindruck erweckt werden, der HoWa sei eine linke Titte, wenn er das auch wirklich ist, es soll hier vielmehr unser dennoch trautes Nebeneinander - äh neh - Miteinander, Füreinander, Einigkeit und Recht und Freiheit etc. lobend hervorgesenkt -- ? HOBEN werden!

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Na, ja, dann habe ich also auch mein Fett bekommen. Das muß ja sein, jeder muß einmal herhalten, und zumindest die Sache mit dem falsch montierten Ölfilter stimmt auch, der Rest nicht so besonders, aber wir wollen hier unser Prinzip nicht einreißen lassen. Hier wird nicht Aussage gegen Aussage gestellt, sondern Gehässigkeit gegen Gehässigkeit.

Also die Piste: Die Piste ist der landläufige Ausdruck für eine unbefestigte Straße mit Schotter oder Staubbelag. Es wird unterschieden in Edelpisten, Vulgärpisten und Scheißpisten. Diese Einteilung erhebt keinen Anspruch auf Gültigkeit, ist auch je nach Fahrzeug für die Insassen verschieden abgegrenzt in dieser Form, dann aber Gesetz. Hier also hatten wir eine wunderbar gehobelte Edelpiste vor uns. Ein graues Band von Horizont zu Horizont, von Bergkette zu Bergkette, in der Einöde der Wüste. Was in dieser typisch persischen Umgebung auffällt, das ist (Verdammt noch einmal, ich scheine mich mehr zum Legastheniker zu entwickeln, immer diese Umstellungen von Buchstaben) die unendliche Weite der Landschaft. Man kann ein Gebiet überblicken, das man in anderen Gegenden nur aus dem Flugzeug recht überschauen kann. Wenn ich mich vergewissert habe, daß in Sichtweite keine andere Staubfahne ist und ich der einzige Mensch hier zwischen Unendlichkeit und Unendlichkeit bin und eine Totenstille meine Ohren dröhnen läßt, überkommt mich nicht etwa das Gefühl der Verlassenheit, sondern das der totalen Freiheit. Wüste - das ist das einzige Leben, das eines Mannes würdig ist. Diese Freiheit, diese Ruhe, da kann man nur lachen, wenn man an die überfüllten Städte denkt. So mancher aber, der hier schon verdurstet ist, hat darüber bestimmt nicht gelacht und konnte mit so esoterischen Gefühlen nicht viel anfangen. Seit wir von der Straße abgebogen waren, machte sich bei dem harten Kern von uns gelinde Euphorie breit und JöJa brauste, was die Kiste hergab, hügelauf, hügelab auf der wie mit einem Lineal gezogenen Straße einem imaginären Ziel entgegen. Als es dann dunkelte, wurden wir rebellisch, denn den Genuß der Einödfahrt wollten wir uns doch nicht entgehen lassen. Andererseits verstanden wir ja seine Fahrgeilheit. Nur noch bis zum fernen Bergesrand wollte er fahren, was schon unseren Unwillen erregte. Dann aber war unser aller Erstaunen groß, als sich im Lichte unserer 5 Scheinwerfer aus dem Dunkel der Umgebung die gewaltigen Schatten eines oder mehrerer großer Gebäude lösten. Aus afghanischer Erfahrung wußte ich, daß solche Gebäude auch bewohnt sein könnten, weswegen wir es wie die Geier erst umkreisten, um dann zuzuschlagen und durch das Hauptportal Einzug zu halten. Die Leute waren alle viel weniger zu halten bzw. gar nicht mehr. Ein ganzes großes und gut erhaltenes bzw. restauriertes Karawanserail hatte selbst ich noch nie zu Gesicht bekommen. Die klare Wüstennacht tat ihr übriges, so dass nach einiger Zeit auch unsere Flippées begeisterungstrunken durch die verschwiegenen finsteren Winkel dieses herrlichen Gebäudes stapften. UlKa und ich suchten das Gebäude bis in die hintersten Winkel ab, um auch ja niemanden zu übersehen. Überhaupt war die Atmosphäre auch leicht unheimlich und UlKa meinte treffend, daß sich dieses Gebäude zwar gut verteidigen ließe, aber im Zweifelsfalle auch eine gute Falle sei. Es war natürlich klar, daß unser Offizier Big Rödel, die Anlage längst auf ihren strategischen Wert untersucht hatte. Wir waren alle wie aus dem Häuschen. Ich beschloß auf dem Dach nur mit den Sternen über mir zu schlafen. UlKa setzte sich mit seiner Gitarre in die finsteren Gewölbe und spielte romantisierende Songs, die in dem alten Gemäuer schauerlich widerhallten. Hat UlKa schon sonst etwas Gespenstisches an sich gehabt, hier war er genau richtig. Auch Üg--und Piär waren angesteckt, rezitierten mit feierlichen Stimmen Genfer Theaterstücke nebst den Parodien darauf. Das Abendbrot wurde richtig in Ausnahmestimmung eingenommen, immer einen Angriff erwartend. Scheiße, wir hatten vergessen, Wachen aufzustellen.

... schnelle Fahrt

Vom Dache aus konnte ich die hin und wieder (3 - 4 pro Nacht) vorbeikommenden Lkws schon 1 Std. vorher sehen. Leider fing es Anfang der Nacht leicht an zu pieseln, so dass ich mich doch wieder in das unbequeme Führerhaus unseres U 404 114 S zurückziehen mußte. Für diesen Abend hatte sich die Reise - fast - schon gelohnt. Anbei ein Grundriß des Gebäudes.

24.02 Die Führung durch das (Karawan-) Serail

Das war der Tag, an dem ich feststellte, daß mein Film schon in Azerbaidjan gerissen war. Nach 50 Bildern packte mich nämlich der Argwohn, und ich beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen - mit besagtem niederschmetternden Ergebnis. Aber mit neuem Film konnte ich wenigstens die Bilder am Orte wiederholen. Wir waren alle ziemlich fotogeil und haben zusammen bestimmt über 50 Bilder allein hier verschossen.

Auto kaputt

Erkundet hatten wir unsere nächtliche Heimstatt ja schon, jetzt wurde sie auch noch akribisch von unserem angehenden Jungwissenschaftler zu Papier gebracht. JöJa hat gefilmt und ich die gesamte Umgebung zu Fuß durchmessen. Fahren durfte ich an diesem Tage. Herrlich war der Blick vom 1. Paß auf die weite Salzlandschaft. An frischen Qanaten kamen wir vorbei, eines haben wir genau angesehen. Als wir dann in die weite Ebene hinaus kamen, löste sich beim Näherkommen die erste Datteloase aus dem Dunst der Ferne. Wieder große Begeisterung und Fotos. Der Ort hieß Neustadt (schahr-e-nou), und zwar als partielle Ortswüstung nur noch von einer Familie bewohnt, die sich wohl alle übriggebliebenen "Drachthaye Chorma" unter ihre Nägel gerissen hatte. Eine sterbende Oase, eher Old City denn New Town, einige Palmen waren schon in sehr schlechter Verfassung. Aber in der Quelle des Ortes schwammen kleine Fische im klaren Wasser. Von Neustadt ging es ins Tal hinunter. Vom tiefsten Punkt an hatte die Schotterebene. ab einer, wie mit dem Lineal gezogenen Linie plötzlich eine viel hellere Farbe, was uns zu wilden Spekulationen anregte, dabei hatte die Sonne dort den Schotter nur schon mehr ausgetrocknet. Diese Gegend hier scheint rapide zu verfallen. Alle Naselang traf man auf verfallene Burgen oder Karawanserails. Nach einem kleinen Paß im schwarzen Gestein und seltsamer Umgebung trafen wir wieder auf eine Burg, die in ihrem Typ neu für diese Strecke war. Deutlich konnte man wenigstens zwei Bauperioden unterscheiden, denn es war mit Lehm dazwischen gemauert worden. Das also war keine Burg für mich, weil die Umgebung zu schwarz war. Dabei hätte man hier bestimmt wunderbar bauen können. Die Berge hier hatten nämlich eine eigenartige Gestalt. Sie bestanden aus waagerecht liegenden Schichten, bei denen die oberste sehr hart, die unteren aber weicher waren, manchmal zogen sich auch zwei solche Schichten durch den Fels. Das gab wegen der unterschiedlichen Verwitterung dann ein seltsames Bild. Die Berge waren oben topfeben und am Rand scharf gezackt abgesparten. Die harten Schichten waren unterhöhlt, so dass die Umgebung mit faust- bis hausgroßen Brocken übersät war, die zwei ebene Begrenzungsflächen hatten und sich wunderbar zum Hausbau eigneten. Hier könnte man sich mammuthafte Häuser bauen. Hier ist es an der Zeit, etwas über UlKa's und meine Wachträume zu sagen. Anläßlich von Qanaten und deren Brunnen, weiter Landschaft und verstreuten Gärten, kam uns der Gedanke, bzw. besser, wir entdeckten, daß wir den gemeinsamen Jugendtraum hatten, nämlich uns selber eine Oase zu schaffen, mit eigener Lehmburg etc. Während ich jedoch mehr dazu neigte, mir so ein hübsches, imposantes Karawanserail umzubauen, oder auch eine Burg, war UlKa mehr auf dem Standpunkt, man solle lediglich die Qanate übernehmen und in Stand setzen und den Rest selber bauen. Jedenfalls sahen wir uns die Ruinen nur noch unter dem Gesichtspunkt an, wie sie sich am besten zu Wohngebäuden umbauen ließen.

Und noch ein anderer Gedanke kam uns, nämlich in dem Karawanserail von gestern Abend im Sommer ein großes Fest zu organisieren mit 1000 Leuten. Anschläge überall, von der Hamburger Mensa bis zum Puddingshop. Jeder müsse Speis und Trank und einen Handfeger mitbringen, dann bräuchte man nur noch eine Band zu organisieren und die Sache liefe von alleine. Es sind doch komische Gedanken, auf die man so unterwegs kommt. Als wir von dem schwarzen Paß ins Tal hinunter kamen, sahen wir schon von weitem das zweite große Karawanserail.

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HoWa ist gerade in Gonabad und so benutze ich - UlKa - die Gelegenheit, ein bißchen Einblick in mein künstlerisches Schaffen auf dieser Reise zu geben:


I am on my way
D hm A

Villages pass, errands meet, castles dream forgotten dreams,
D hm A

Everywhere, I do look, broken stone, no wood
Gm D

the land breathes great desire,
gm hm cism A G F

the road leads me more and more, higher, higher, higher to the sun.
D fism G fism hm

Ref: I am on my way, I am on my way, I am on my way on the road to the east.
D fism G fism D

 

My weary feet don't stop trapping on, I am going to the rising of the sun.

Blind children ask, where do I go, women hide and old men stare And when I leave the town again, its palms guide me a long way And then the desert got me again

dark skies over mein moonlight and star sprinkled again.

 

Shahabad, 02.03.1974 Text und Musik UlKa.

Alle Rechte bei K. G. Urne Hameln e. V.

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UlKa, der Musenfreund, konnte sich hier wieder nicht verkneifen, sich in das rechte Licht zu rücken. Aber zurück zur Fahrt: Einige Zeit nach dem schwarzen Paß kam wieder ein Karawanserail in Sicht, diesmal mit angegliedertem Herrensitz. Das war etwas für ein Foto. So hielten wir weit vor der Burg schon an. Unsere beiden Flippées stiegen aus und zeigten keine Lust, wieder einzusteigen. So ließen wir sie dort, wo sie waren und fuhren quer durch die Wüste zu einer weiteren Karawanserailerkundung. Das Karawanserail stand hinter dem ersten zurück, interessanter war da schon die Burg, wahrscheinlich ein alter Herrensitz. Die ganze Anlage lag am Rande einer Salzebene und war wohl wegen der Versalzung der Gärten verlassen worden. Man sah genau, daß dort, wo ehemals Gärten lagen, eine Salzkruste den Boden bedeckte. Wirklich ein sterbendes Land. Es sieht so nach Vergangenheit aus. Nichts erinnert daran, daß hier auch Gegenwart herrscht, nur der stetige Verfall der Reste aus besseren Zeiten. Wir schossen einige nette Fotos und JöJa umkreiste die Burg, um eine gute Stelle für Texaco-Fotos zu finden. Wir hatten ja dummerweise die Texaco-Abziehbilder vergessen. Nur dafür aber, daß wir Werbung im Ausland machten, war uns doch das viele Öl gestellt worden. So machten wir wenigstens einige Fotos mit einem großen Texaco-Kanister vor dem Wagen. Auf dem Wege zum nächsten Paß konnte noch ein zünftiges Wüstenfoto mit einem Kamelkadaver geschossen werden. Nach dem Paß neigte sich der Tag schon seinem Ende, und es fing an zu dämmern. Wir liefen das nächste Dorf an: Robat poscht-e-Badam. Hier, das war unser allererster Eindruck, schielen die Leute wie verrückt und haben mindestens ein unbrauchbares Auge - Später aber fanden wir dann noch Leute mit normalem Blick. Richtig ernährt aber schienen mir die Leute hier nicht. Wo sollen hier im Winter auch die Vitamine herkommen. Das Teehaus hier am orte war fast ausschließlich von LKW-Fahrern besucht. Hier gab es anscheinend nur salziges Wasser und sogar der Tee schmeckte danach. Ich bestellte mir hier für 4 Toman ein Abguscht, wie ich es auch schon vor Hamadan gegessen hatte, die anderen wollten Ei-Abguscht und bekamen ein solches ohne Guscht, also Fleisch, mit einigen beigelegten rohen Eiern, was nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß.

Rüttelpiste

JöJa war denn mit diesem "Hundefraß" auch nicht zufrieden und bereitete noch im Wagen ein zweites Abendbrot, UlKa setzte sich noch ins Teehaus und tippte unter ungläubigem Staunen aller Umstehenden einen Brief, der auch diesem Tagebuch angegliedert ist. Während ich auf den Vordersitzen einzuschlafen versuchte, wurde hinten noch unheimlich gewütet. Der ganze Wagen schaukelte hin und her, und bald war UlKa's so charakteristisches markerschütterndes Kreischen zu hören, gegen das ich später regelrecht allergisch wurde ........

25.02 Der Taperer in der Wüste, Kawire & Shabbababy

Der Tag, an dem wir in Tabbas ankamen. Wer im Wagen hinten schlief, hatte immer Schwierigkeiten mit dem Aufwachen, weil hinten total verdunkelt wurde und niemand wußte, daß der helle Tag bereits angebrochen war. UlKa versuchte übrigens schon seit Tagen, einen Fastentag einzulegen, auch an diesem Tag kam er wie noch so oft über das Frühstück nicht hinaus. Die Gegend wurde immer wüstiger. Die Pfade waren teilweise recht verschlungen. Es zeigten sich recht interessante Faltungsformen in den Bergen. Hier trafen wir auch auf den einzigen Ausläufer eines Kawirs, den wir auf dieser Fahrt zu Gesicht bekamen. Neben der Straße sieht der Boden topfeben aus, und man konnte meinen, dort bequemer als auf der Piste fahren zu können, dem aber war nicht so. Sobald man von der "Straße" runter war, versank man ziemlich tief im aufgeweichten Salzton und kam nicht mehr recht vorwärts. Inmitten dieser Einöde trafen wir auf eine Kamelherde. Was die hier suchte, wo weit und breit absolut kein Halm mehr wuchs, war mit schleierhaft. Als wir versuchten, ihr auf den Pelz zu rücken, flohen sie, so dass es für Nahfotos nicht reichte.

... komischer Sturm heute Nacht!

Am Rande des Kawirs trafen wir auch auf die erste Sanddüne. Große Begeisterung auf unserer Seite. Auf dieser Düne, sie war bescheiden genug, mußte erst einmal tüchtig herum getobt werden. Leider habe ich sie wegen JöJa's Hinweis auf kommende, noch bessere Dünen nicht aufgenommen. Es sollte nämlich bisher die einzige in Reichweite bleiben. Wieder ein Karawanserail. Ein kleines, altes, niedliches und ein großes, aber noch bewohntes, in dem wir einen Tee tranken. Nach einem kleinen Paß, breitete sich vor uns die Ebene von Tabbas aus mit den gewaltigen Bergen dahinter, die den sieben Oasen das Wasser liefern. Man konnte die ersten Palmenoasen mit ihrem dunklen Grün schon von Weitem gegen die weiße Salzebene sehen. Das war wieder ein Anblick, der Hochstimmung hervorrief. Während wir in der ersten Oase hielten, um Fotos zu machen, tollten Üg und Piär wie ausgeflippt in den Dattelgärten herum. Der Baustil hier und auch, als wir nach Tabbas selber kamen, erinnerte vor dem Palmenhintergrund etwas an sudanesische Architektur. Auf jeden Fall fanden wir das alles unheimlich gut. Die Einfahrt in den Ort gestaltete sich wie eine Parade aus der Panzerluke, und aus dem Schiebedach sahen wir uns aufrecht stehend die Umgebung an, während der Wagen im Schrittempo einfuhr. Wir wären aber nicht im Iran, wenn nicht auch hier Kreisverkehr und zentraler Park wären.


Briefe ...

UlKa, Robat poscht e badam, 24-02-1974


26.02 Sightseeing in Tabbas!

Wie üblich hatte ich schon einen netten Morgenspaziergang hinter mir, als ich es für nötig befand, auch die hinteren Faulenzer aus ihrer Miefbude zu reißen. Wir waren nämlich um 9 Uhr mit Hassan Shababy verabredet, und ich wollte nicht unpünktlich sein. Mit festen Terminen, so schön unter Zeitdruck, läuft doch alles gleich viel besser: 10 Min. Aufstand, 10 Min. für Umbau, 10 Min. für Frühstück, es geht doch nichts über Hetze und Streß! Hassan mit einem Kollegen wartete schon auf uns, denn wir hatten es uns doch nicht ganz verkneifen können, uns zu verspäten. Es war gut, mit einem einheimischen Fahrer in einem der an Geräusch armen Iran-made-Peykane durch die Straßen zu rauschen und nicht immer selber fahren zu müssen. Als Auftakt ging es zum Vorzeigegarten der Stadt, zum "Bagh-e-Golschan", den Rosengarten. Hier soll früher der Chan der Stadt residiert haben. Es war doch schon recht paradiesisch. Hier könnte man es einige Zeit aushalten. Ja, es stimmt schon, was sich die Leute erzählen: Je schrecklicher die Wüste, desto schöner die Gärten in deren Oasen. Unter Palmen am Wasser von Vögeln umzwitschert, ja, das war schon was für uns. Der größte Vogel hier war übrigens ein Pelikan, von dem die Leute sagen, er sei zugeflogen, und zwar bei dem großen Sturm vor kurzer Zeit, nun, solche Geschichten hören sich immer gut an, wenn da die Wahrheit der Schönheit im Wege steht, wird sie halt stutzt. Der Piepmatz war so zahm wie eine Hausgans. Über die Datteln hier ist zu sagen, daß 98 % sehr schlechter Qualität sind und an das Vieh verfüttert werden. Das wurde wieder mit einer Geschichte entschuldigt. Der Khan des Ortes soll anno Krug befohlen haben, alle Datteln guter Qualität sofort nach Ernte als Privatbesitz des Despoten an den Hof zu liefern. Das sollen die bösen Oasenbauern sabotiert haben - mit der Axt! Überhaupt schien der ehemalige Khan der bestgehaßte Mann des Ortes gewesen zu sein. Das sah man auch schon an der sicheren Festung, die er bewohnt haben soll und die wir als nächstes besichtigen. Ein beachtliches Bauwerk, das auch der sonst recht vorwitzige UlKa hier nicht erwartet hätte. Merkwürdig war vor allem das Vorkommen der gebrochenen Bögen. Überhaupt deutete vieles darauf hin, daß hier nicht gebräuchliche Formen importiert worden waren. Auch eine Moschee ohne Minarette mußte trotz Heiligkeit zur Besichtigung herhalten. Minarette hatte dafür eine Medresse gegenüber, auf der sich noch ein kleines Drama abspielen sollte. JöJa mußte nämlich unbedingt einen dieser stolzen Türme ersteigen. Nun sind die Dinger aber recht schlank und das innen noch mehr als außen, und die Treppen sind verdammt steil und beträchtlich gewandelt. Die äußeren Abmessungen unseres Vorzeigegermanen aber waren auch nicht von Pappe und hielten in Bruttoregistertonnen Wasserverdrängung gemessen durchaus manchem Vergleich stand. So folgte ihm manch besorgter Blick, als er im Dunkel des Eingangsloches verschwand. In banger Erwartung lauschte man dem dumpfen Ächzen und Stöhnen im Innern der Röhre und suchte nach etwaigen Rissen in deren Außenhaut. Doch zu aller Freude zeigte sich nach schier unendlicher Zeit oben ein leicht eingestaubter Blondschopf. Alles atmete auf, und so manche verkrampfte Hand löste sich. Hätte jemand von den Zuschauern etwas von Statik verstanden, hätte--er jedoch sicher ein bedenkliches Gesicht gemacht, als wir uns alle drei auf der schwankenden, kleinen Plattform in luftiger Höhe tummelten. Doch war dieser Platz einfach ideal für Aussichtsfotos, pardon Übersichtsfotos.

... gegen die Wand.

Hiernach durften wir den Arbeitsplatz von Hassan besichtigen. Der Gute wußte noch über fast gar nichts Bescheid, da er erst seit 2 Wochen hier war. Hier mahlen das Shah's Mühlen hält nicht eben schnell und der Gute hatte ja auch noch 1 ½ Jahre Zeit. Er war nämlich eigentlich Wehrpflichtiger. Absolventen von landwirtschaftlichen Studien will man hier nach der Grundausbildung nicht vermauern lassen. Sie werden halt einem besonderen Agrarkorps zugeteilt und den örtlichen Verwaltungen zugesellt. Als wir kamen, tagte gerade hinter verschlossenen Tüten eine eminent wichtige Gesellschaft. Durch einen Türspalt konnten wir kurz das streng Geheime erspähen. Ernste Gesichter, Berge von Akten und viele Gläser Tee. Ansonsten war von Arbeit hier nicht viel zu spüren und auch andere Fragen konnten nur unbefriedigend beantwortet werden. Daß das da vorne die Versuchsfelder waren, konnten wir uns auch selber denken. Dafür gab es reichlich Tee und Sweets - das war ja auch was. Hier hatten wir auch die einmalige Gelegenheit, die Gelassenheit mitzuerleben, mit der die Beamten den ersten Regen seit einigen Jahren ertrugen. Sie nahmen ihn kaum zur Kenntnis. Nun muß man allerdings zu ihrer Entlastung sagen, daß Tabbas mehr vom Regen und Schnee in den Bergen, denn dem wenigen in der Ebene lebt.

Hernach fuhr man uns - oh Aufwand - mit zwei großen Geländeschlitten in die Stadt. Die Teppichläden, auf die JöJa allein scharf war, hatten um diese Zeit geschlossen, das konnte uns Hassan aber nicht voraussagen, weil er aus Babol an der Kaspisee kam, und dort die Sitten wieder ganz anders sind. Er lud uns dafür und als Revanche für gestern zu einem recht guten Essen in jene schmierige Touristenabsteige ein. Das Essen wurde in schmieriger Gesellschaft in einem noch schmierigerem Séparée eingenommen. Nach dem Essen kam JöJa zu seinem Recht. Es ging los zum Teppichkauf, was sich hier aber noch als recht undankbares Geschäft erweisen sollte. Die Kelims hier, die mich als einziges noch interessiert hätten, waren zu teuer und nicht von hier. So überließen UlKa und meine Wenigkeit das ungleiche Paar alsbald ihrem Schicksal. (Die beiden Flippées waren die ganze zeit ohnehin beim Wagen geblieben). Wir zogen es vor, in der Geborgenheit unseres Wagens auszuspannen. Das war aber so einfach nicht. Die Kinder des Ortes nämlich setzten alles Geschick und alle ihre bescheidene Intelligenz daran, unseren Wagen auseinanderzunehmen, als wollten sie Büchsenöffner spielen und die exotische Pracht wieder aus der Nähe betrachten. UlKa spielte von Zeit zu Zeit den "Deus ex machina" mit einer kalten Dusche vom Dach für alle Umstehenden. Aber es sollte noch dicker kommen. JöJa hatte inzwischen eine Odyssee in Sachen carpet hinter sich, die ihn in so manches Privathaus geführt hatte. Er wollte gegen einen Teppich sein Radio und gegen einen anderen sein Foto- und Filmstativ eintauschen. Beides befand sich aber bei uns im Wagen ' Ein Grund für ihn mit seiner wilden Meute in unseren tippenden Frieden einzubrechen. Alles weitere siehe Live-Einschub vom 16.02. Zum Glück hat sich JöJa nicht auch noch über das andere Ohr hauen lassen und wenigstens sein Stativ behalten. Zum Schlafen fuhren wir ein Stück in die freie Wüste hinaus.

Hier ist die Stelle, etwas über den Herrn Stroganoff zu sagen. Irgendwo, es war wohl an jenem denkwürdigen Abend in dem ersten Karawanserail, hat Ulrich den zur Zeit letzten Eßmodeschrei kreiert, E-Pa-Brot/Zwiebel á la Piaz + Pfeffer, Salz und Paprikapulver = Zwiebel á la Stroganoff. Das schmeckte an jenem Abend recht gut, jedoch die Reue kam später und noch oft, wenn es hinten in der kleinen Pappmacheebutze nach den gräßlichsten Dingen stank, wurde so manch saftiger Fluch auf den armen Stroganoff ausgestoßen, der doch wirklich nichts dafür konnte. Aber selbst gegen die gräßlichsten Martern stumpft man nach einiger Zeit ab. Bald wurde nur noch ganz trocken festgestellt: "Aha, Stroganoff, wer war's?!" So weit so schlecht für diesen Tag. Ich muß jetzt schließen, um etwas zu öffnen, das Fenster - Stroganoff!!!!!!!!!!!!!!!

27.02 Regen? Hier?

... im tiefen Schnee

Ein denkwürdiges Datum, wie man sehen wird! Normalerweise ist es in wüstenhaften Gegenden die Morgenkälte, die einen weckt. Hier war es ein starker Regenguß, der mich befürchten ließ, hier von einer großen Schichtflut hinweg gespült zu werden. Der Boden, auf dem wir standen, war noch gezeichnet von solchen Ereignissen. Zu unserem Glück aber währte der Guß ging schon immer vor, an der Piste entlang, um sich von uns hinterher nicht so lange. UlKa hatte an diesem Tage wieder seinen Fastentag. Daß er nicht übers Frühstück hinaus kommen kann, wußte er inzwischen. Aber wenigstens auf dieses wollte er verzichten, statt lieber das Abendessen zu lassen, bei er dann doppelt fraß. Er ging schon immer vor, an der Piste entlang, um sich von uns hinterher wieder aufgabeln zu lassen. Es dauerte jedoch so seine Zeit, bis wir guten Deutschen unser ausgiebiges Frühstück in Ruhe verzehrt hatten da kann man doch nicht so einfach mit leerem Magen loshetzen! Ein alter Bundeswehrsoldat hat Marschgeschwindigkeiten ja im Kopfe, und so wurde er nach einiger Zeit unruhig, weil sich noch kein schmutzig weißer Fleck zeigte, der hier doch irgendwo den Horizont unsicher machen mußte. "Ihm wird doch nichts zugestoßen sein, Du weißt doch, er hat einen schwachen Kreislauf!" kleidete JöJa seine Besorgnis in Worte. "Ach was, der wird, wenn wir ihn hier nicht finden, mit dem nächsten LKW nach Ferdows oder bis zum nächsten Ort vorgefahren sein, der ist doch gewitzt." - "Nein, Verantwortung und solche Dinge, und wenn er hier nun irgendwo liegt und nach uns wimmert, man weiß ja nie, nach 10 km kehre ich um und suche so lange, bis ich ihn finde." --"Oh Gott, der UlKa ist doch, auch wenn man es manchmal nicht ganz glauben kann ein intelligentes, denkendes Wesen, der wird sich doch nicht in irgendeine Erdhöhle zum Sterben verkriechen, um darauf zu warten, daß wir mit Hunden und Polizei die ganze Gegend durchkämmen..." Zum Glück beendete diese Diskussion dann doch ein Schmutzfleck, der sich aus dem Horizont löste und auf die Straße zu hampelte. Er war natürlich in bester Verfassung und schwitzte in seinem Schafsfell, statt zu frieren wie ein ausgewachsener Schneider, wie er es nach JöJa's Worten gefälligst hätte tun sollen. Der Weg führte nun immer weiter in die Kälte, es wurde wieder ungemütlich. Man hatte uns schon in Tabbas gesagt, daß der Paß nach Gonabad eventuell verschneit sein könnte. Die Karawanserails wurden auch immer mickriger und konnten uns auch nicht mehr recht vom Hocker reißen, dafür stand überall Wasser in der Wüste und unser Wagen zog auch nicht mehr so recht. Wir kamen jetzt in das Gebiet des Erdbebens von vor 6 Jahren. Die alte Stadt Ferdows lag vollkommen in Ruinen, dafür waren neue, erdbebensichere, dafür aber um so häßlichere Häuser gebaut worden. Das schien selbst unser Auto so traurig zu stimmen, daß wir ihm zum Trost den Vergaser säubern mußten. Damit war er wieder entleidigt und zuckerte wieder getreulich unseres Weges, zwar nicht gerade mit alter Kraft, aber man ist ja anspruchslos geworden, auch wenn es jetzt einem Paß entgegenging. Der Paß war in der Tat ganz beachtlich, aber in bedenklichen Situationen hat uns unser Wägen doch noch nie im Stiche gelassen. Andere Dinge plagten uns dafür, z. B. ob in Shahabad, wohl noch jemand sei, der sich an JöJa erinnerte, daß Herr Dastchosch noch dort sei, nahmen wir schon gar nicht mehr an. Wenn dort niemand mehr sei, meinte JöJa, der ihm weiterhelfen könnte, dann wolle er den Vorschlag machen, nach Afghanistan zu fahren und dort die Zentralstrecke in Angriff zu nehmen. Nun, ich war ja sehr dagegen, erstens kann man diese Strecke nicht im Winter fahren, und zweitens wollte ich nicht ein zweites Mal lediglich anschneiden und dann wieder wegen irgendeiner Lappalie umkehren müssen, nein, das kam nicht in Frage. Gegen späten Nachmittag erreichten wir Gonabad, einen Ort, der uns nicht gerade von der Allgegenwärtigkeit, der Größe und des Glanzes des Herrscherhauses überzeugte. Die Kinder, ein wichtiger Gradmesser für die Häufigkeit des Auftretens von Fremden, waren penetrant aufdringlich, was uns aber nicht mehr viel ausmachte. Als ich in der Bank für die gesamte Mannschaft, wie ich vielleicht schon erwähnt habe - bin ich ja Kassenwart der Gruppe - 100 $ und für UlKa noch 50 DM wechseln wollte, da stellten sich die Leutchen auf die Hinterbeine, und wollten uns das Geld nicht wechseln. Und das, nachdem sie die Noten ∼ ½ Std. auf alle erdenkliche Weise geprüft hatten. In dicken Büchern wurde nachgeschlagen.

... oh, pardon!

Es ist natürlich möglich, daß die Bücher von vor dem Kriege waren und sich die Dollarnoten inzwischen geändert hatten. Dann wurden die Scheine gegen das Licht gehalten, betastet , beäugt, berochen, bemißtraut, nur nicht beschmeckt. Und Oberhaupt, was waren wir für Leute, daß wir gleich 100 Dollar wechseln wollten, das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, langhaarige Studenten aus Deutschland, und dann noch so ein blonder Berserker, womöglich ging es mit linken Dingen zu. Wie wäre es denn z. B. mit nur 20 Dollar? Wenn das nur eine Phantasiewährung ist und es Dollars in Wirklichkeit gar nicht gibt, dann ist der Verlust für die Bank nicht so groß. Aber Allah hatte Erbarmen mit uns und sandte uns einen Englischlehrer, der sogar gebrochen Englisch sprach und sich radebrechend für unsere Sache einsetzte. In der Bank war dann sogar ein Mann, der Herrn Dastchosch vor einigen Monaten noch gesehen hatte. Unsere 50,- DM wurden übrigens nicht gewechselt. Üg und Piär hatten sich inzwischen nach ihrem Bus erkundigt und erfahren, daß entweder am nächsten Tag einer aus Gonabad oder noch am gleichen Abend einer aus Birdoucht fahren würde, einem Ort, der ∼ 5 km weg auf unserer Strecke lag. Man entschied sich für letzteres, weil den beiden der trostlose Ort nicht weiter zusagte. Auch wir waren froh, ihm den deutschen Breitschulterrücken zuzukehren. In Birdoucht war gerade ein Bus verreckt, und so tummelte sich in dem Fernfahrerteehaus eine bunte Gesellschaft, die wie unsere Flippées auf den nächsten Bus warteten. Die Leute sahen hier schon sehr Afghanisch aus. Der Turban beherrschte vor der Perserwollmütze das Bild. Alte Ledergesichter richteten sich auf uns als wir eintraten. Fast tot schienen sie, wie nach allen Mühen und Entbehrungen der kargen Landschaft, von der sie geprägt waren, erstarrt als Fossil für die Ewigkeit. Nur die Augen lebten in diesen Gesichtern. Manchmal abgeklärt, fast feierlich und würdevoll, großartige Charakterköpfe, manchmal weltabgewandt, als seien sie unter der Last der Jahre harten Lebens gebrochen. Bei den Männern prägten Turbane und weiße Bärte das Bild. Bei den Frauen fielen uns die vielen Nomadenfrauen auf, die unverschleiert mit geradem stolzen Blick ohne Scheu aber mit unverhohlener Neugier zu uns herüber starrten. Wenn ihre Kinder Durst hatten, machten sie einfach die Brust frei, und stillten sie. Hier waren wir unter dem Volke, bunt zusammengewürfelt und teilweise von weit her, aus Sistan, Baluchistan, Chorassan, hier fühlten wir uns wohl, und wir wurden merkwürdigerweise auch mehr akzeptiert hier von diesen teilweise martialisch aussehenden Menschen als in den teileuropäisierten Städten des Landes. Hier nahmen wir zusammen mit unseren beiden Mitgenommenen, die inzwischen auch leicht mitgenommen aussahen, ein Abschiedsmahl, Abguscht, ein und tranken unseren Tee. Ich glaube mich erinnern zu können, daß die beiden auch noch einen ausgaben. Sie haben von Isfahan noch einmal 10 $ für die Fahrt und 5 $ für die Militärische Gespeise bezahlt. Sie hatten aber auch genug Geld. Üg soll insgesamt 3000 $ mit auf die Reise genommen haben. Nun, wer's hat, soll's ruhig ausgeben! So trennten sich denn hier unsere Wege. Ich gab ihnen noch ein großes Foto von mir und meinem eigenen Unimog mit, das sie dem Manager des Cheir Hotels schenken sollten, weil dem mein Gefährt so gefallen hatte. Wir fuhren weiter, voller Ungeduld die letzten 50 km in Richtung auf Shahabad 1, aus dem Tal von Gonabad über einen kleinen Paß in das Becken von Shahabad.

Als merkte unsere eigenwillige Kiste, daß sie bald eine Generalüberholung erführe und als wollte sie ihrer Forderung danach Nachdruck verleihen, gab sie ihren Geist hier fast ganz auf, nicht ganz, nach Shahabad wollte sie ja noch, und so saugte sich der Vergaser immer dann, wenn wir dachten, auf den letzten Kilometern doch noch basteln zu müssen, selber wieder frei. Wir schleppten uns wahrhaft mit letzter Kraft nach Shahabad. Erwartet wurden wir nicht gerade, und während der Wagen vor dem Schlagbaum wartete, ging JöJa mit dem Pförtner irgendwohin ins Dunkel. Nach einiger Zeit kam dann jemand, der mit den Weg zu einem Haus zeigte, wo ich vor dem Tor schon von einer hübschen Frau erwartet wurde. Herr Dastchosch war tatsächlich nicht mehr hier. Seine Frau hat es, wie zu erwarten war, hier in der Einöde nicht ausgehalten. Dafür waren wir Gast von Herrn Hosseyn Arefmanesch, dem jetzigen Leiter des Projekts, der auch in Deutschland studiert hatte. Er öffnete dann auch gleich einige Flaschen Weißwein, eine Flasche Whiskey und erzählte von seiner Studentenzeit und seiner weinseligen Deutschlandepoche in den 60 Jahren. Er hatte eine nette Frau und drei süße Kinder, und lebte hier im Grunde nicht schlecht. Dennoch war auch hier nicht alles eitel Sonnenschein, wie sich später herausstellen sollte, zumal für seine Frau. An diesem Abend wurden die ersten Informationen gegeben. Seine Frau Farah interessierte sich sehr für den Teppich, mit dem sich JöJa hatte übers Ohr schlagen lassen, der aber vertröstete auf den nächsten Tag, aus Schamesgründen. Wir sahen alle noch leicht schmutzig aus. Aber unser Gastgeber wies gleich seinen Diener an, unser Zimmer im Gästehaus um ein drittes Bett zu vermehren und kräftig zu heizen. Die Dusche für den nächsten Tag wurde vorbereitet und alles nach Kräften getan, damit wir uns wohl fühlten. Herr Arefmanesch erinnerte sich noch ganz genau an JöJa, die Mädchen und den Borgward, seine Frau aber war zu der Zeit grade in Mashad bei ihren Eltern gewesen, wohin sie sich öfter vor dieser Einsamkeit hier flüchtet. Es ist ja hier in der Tat kein Leben für eine gebildete Frau. Sie ist in ihrer Art ja fast die einzige hier. Es sind dann nur noch die Lehrerin, die Kindergärtnerin und eine Soldatin hier, die übrigen Bauersfrauen haben noch ein mittelalterliches Bewußtsein.

Horst Walther, Hamburg,