Shahabad, 03. 03. 1974

Ihr Lieben daheim!

Also wir haben beschlossen, auch Briefe nach Hause unserem gemeinsamen Tagebuch anzugliedern, deshalb das Getippse! An wird ja hoffentlich mit ihrem Brief vorbei gekommen sein. Soweit also die Vorbemerkung. Es kann losgehen!

Wir sind auf dem Wege nach Tabas. Hier und da hielten wir an, um diverse ruinöse Karawansereien zu durchstöbern. Dann kamen wir vorgestern Abend dort an. Tabas ist eine große Oase am Rande der Salzwüste, bekannt durch ihre großen Befestigungen. Die Polizei jedoch war nicht auf uns eingestellt. Zum ersten Mal mußten wir als Touristen, uns bei der Polizei melden. Die nahm mit viel Umstand unsere Personalien auf. JöJa machte dort die Bekanntschaft eines Offiziers, der studierter Agronom war und seinen Militärdienst in der Oase als landwirtschaftlicher Berater verrichtet! Diesen Mann hielten wir uns warm und luden ihn in das "Tabas Inn" ein. Am nächsten Morgen wurden wir dann auch prompt zur Stadtbesichtigung abgeholt. Danach fuhren wir zu seinem Arbeitsplatz im Projekt. Auch das recht teure Mittagessen für uns drei Deutsche gab er aus. JöJa wollte unbedingt einen Teppich kaufen, so zog er dann mit Hassan los. Wir anderen saßen inzwischen im Auto und versuchten, uns der Kinder zu erwehren, die im Orient einen unheimlichen Stör- und Zerstörungstrieb entwickeln. Zu guter Letzt kam JöJa mit diversen schmierigen Persern wieder an, und wir erfuhren, daß er bereits sein Radio gegen einen etwas schon ältlichen Teppich eingetauscht hatte. Nun wollte er noch einen kleinen neuen gegen sein Stativ tauschen. Aber sie gerieten sich hier im Wagen über Wert oder Unwert in die Haare. Hugh warf noch eine Hose und ein Hemd in die Diskussion. Aber das könnt ihr viel besser im Tagebuch nachlesen. Auf jeden Fall waren wir froh, als wir endlich aus dem Räubernest heraus waren. Wir sind dann in die Wüste gefahren und haben dort in aller Ruhe gepennt. Es ist ein unheimliches Gefühl, so mitten in der Wüste zu stehen. Ich führe zur Zeit gerade eine Abmagerungskur durch und ging deshalb anstelle des Frühstücke ein Stück in Richtung Gonabad vor. Immer die Piste entlang, rechts und links abgesehen von den windschiefen Telegrafenpfählen nur Steine, Kies und Sand. Im Salz muß es noch schlimmer sein! Hier und da kam ein Auto vorbei. Alle hielten und erkundigten sich nach meinem Woher und Wohin und warum ich denn zu Fuß durch die Wüste ginge und partout nicht mitkommen wollte. Es bereitete mir Mühe, mit Händen und Füßen den Leuten klarzumachen, daß ich nur einen kleinen Spaziergang mache. Im Endeffekt sind doch 11 km daraus geworden! Nun ja, durch einen immensen Paß sind wir jetzt in Gonabad angekommen. Unsere beiden Mitfahrer verlassen uns hier. Sie wollen über Maschad nach Herat und dann nach Indien weiter.

Ach ja, Ihr könnt bitte mal meinen 2. Wohnsitz in Göttingen beim Einwohnermeldeamt in Hameln auch formell auflösen. Ich habe nicht mehr dran gedacht. Und sorgt bitte auf jeden Fal1 dafür, daß bei meiner Rückkehr nach Hause gleich die RÜCKMELDEFORMULARE aus Göttingen da sind. Ich komme so um Ostern herum und bleibe dann bis Anfang Mai noch zu Hause, weil vorher bei uns im Seminar noch nichts los ist. Sozusagen eine Erholungspause. Wie geht's sonst so?! Ist Mutti wieder zu Hause? Ich nehme ja stark an, in Shiraz Post von Euch vorzufinden. Gesundheitlich geht es uns allen recht gut. Bis jetzt brauchte ich nur Pflaster, Abführtabletten (für JöJa), Erkältungstabletten für uns alle, Grippe - speziell für Pierre - und die Vitamintabletten herauszusuchen! Die E-Pa's gehen uns langsam auf die Nerven. Ansonsten ist das Klima sehr gut. Die letzten Grüße zwischen uns werden jetzt ausgetauscht. Man berät sich noch einmal, neckt und ärgert sich gegenseitig. Die Trennung fällt unseren Flippées doch nicht sehr leicht. Sie haben sich sehr an das regelrecht luxuriöse Leben im Unimog gewöhnt. Denn draußen ist es doch noch immer erheblich ungemütlicher.

Also, eben hatten wir mal wieder unseren Spaß mit der Polizei. Diesmal hatten sie sogar regelrechte Formulare mit Zimmerpreisangabe. Verrückt! Wir bleiben zwar nur eine Stunde, haben trotzdem spaßeshalber die Formulare ausgefüllt. Eben haben Pierre und Hugh noch einmal dem Captain teure Zigarren verkauft. So haben sie die Reise raus bis hier.


I wish you all the nicest things for the rest of your journey to carry on with your freaked out feelings, and to be happy as long as you can afford it.
Take it easy and don't forget to cool the atmosphere with your beautiful stinky stroganovs.

Hugh


Le moment tant émouvement des adieux est arrive après une équipée mémorable sous les ordres de Big Baby.
Bonne route - auf Wiedersehen - and see you.

Pierre le Flipée from Geneva


Ich hatte gerade kein anderes Blatt für das Tagebuch in der Maschine, und so haben sich die beiden hier mit ihrem Abschiedsspruch verewigt. Wir bringen sie jetzt noch schnell zum Bus und dann geht's auf in das Landschaftsprojekt Shahabad. Es ist bereits wieder dunkel, Big Rödel Baby, unser blonder Germanenfürst, fährt wieder wie besengt, diesmal, um den Bus zu erreichen. Ich mache deshalb Schluß und verbleibe Euer Sohn, Enkel, Bruder, Mitbewohner, Geliebter, Freund, Sorgenkind, Student - alles in einem - Euer süßer, kleiner lieber, artiger ...

UlKa.

Kuss an alle auch an Papis rauhe Wange und Nuschie kalte Nase und in Erichs Wollgebirge.

Horst Walther, Hamburg,