28. Februar oder
8. Esfand,
Shahabad I bei Gonabad,
Khorassan, Iran

Liebe Eltern, Oma und Geschwister!

Wie Ihr seht, sind wir inzwischen in Khorassan, an einen Endpunkt unserer Reise gekommen. Wir sind hier bei einem landwirtschaftlichen Projekt der persischen Regierung. Der Leiter dieses Projektes hat in Deutschland studiert und hat uns gestern Abend gut aufgenommen.

Hier in der Gegend ist eine ganze Menge neu erstanden. Das liegt daran, dass hier vor 6 Jahren das große Erdbeben alles zerstört hatte und etwas getan werden mußte. Damals ist der Schah hier erschienen und hat den Leuten einen groß angelegten Wiederaufbau versprochen. So wurden denn die Bauern aus der Umgebung gesammelt und in eine neu gegründeten Ort, der Shahabad genannt wurde, und noch auf keiner Karte verzeichnet ist, angesiedelt. Eigentlich ist der Ort hier nicht sehr günstig gewählt, weil der Boden hier zu salzig ist. Es gibt angeblich viel bessere Böden in Azerbaidjan und um Kermanshah. Das Projekt hat halt vielmehr politische Bedeutung, man wollte der rückständigen, schon halb Afghanischen, Bevölkerung moderne Agrartechnologien beibringen. Das "Menschenmaterial" ist so auch das größte Problem. Die Ruinen der Häuser des Ehemaligen Ortes hier mußten mit Bulldozern beseitigt werden, bevor man erreichen konnte, dass alle Leute in die erdbebensicheren neuen Wohnungen umzogen. Auch wollten sich die Leute aus den verschiedenen Dörfern zunächst nicht vertragen. Über dieses Projekt werden wir heute noch viel mehr erfahren. Zunächst also zu unserer Reise hierher. Es war eine rechte Winterreise mit hohem Schnee und klirrendem Frost. Auf den Pässen vor Malatya und Hamadan hatten wir Temperaturen, die unter 20 Minus lagen. Hamadan, die kälteste Stadt des Iran, ehemalige Hauptstadt der Meder, Sommersitz der Archämeniden, das antike Ekbatana, hatte in diesem härtesten Winter seit Jahren eine Tiefsttemperatur von -35 C.

Unsere Strecke von Istanbul aus war ...

Ankara - Kirshehir - Kayseri - Matatya - Elazig - Bingöl - Mus - Bitlis - Tatvan - Van - Yüksekova - Grenze (Sero) - Rezaiyeh - Saqqez - Sanandaj - Kermanshah - Hamadan - Malayer - Borujerd - Dorud - Isfahan - Nain - Yazd - durch die Wüste - Tabbas - Ferdows - Gonabad - Shahabad.

An der Persisch / Türkischen Grenze sind wir von türkischem Militär "überfallen" worden. Die Soldaten haben eigentlich nach Schmugglern gesucht, die dort in dunklen Nächten mit dem LKW bis kurz vor die Grenze fahren, und von dort aus auf Pferderücken Opium und Haschisch in den Iran schmuggeln. Da dieser Grenzübergang im Winter wenig beschritten ist und inmitten der Nacht, bei Schneeglätte, dichtem Schneetreiben und Nebel keine Touristen auf der Straße zu erwarten waren, waren wir wohl höchst verdächtig. Es war jedenfalls recht unheimlich, als kurz vor uns sieben bis an die Zähne bewaffnete Soldaten links und rechte aus den Graben und hinter den Schneewehen hervor auf die Straße sprangen und auf uns anlegten. Zum Glück konnten wir noch rechtzeitig stoppen, sonst waren die selber recht ängstlichen Wehrpflichtigen wohl noch nervös geworden und hätten abgedrückt. Es ist für die Soldaten dort recht gefährlich, denn, wenn sie zu früh abdrücken, kommen sie vor Gericht. Die Schmuggler sind aber sämtlich bewaffnet, und scheuen sich nicht zu schießen. Die armen Burschen froren sehr und bekamen von uns erst jeder einen kräftigen Schluck Rum, womit das Eis gebrochen war und wir als harmlose Irre erkannt waren. Der befehlshabende Grenzoffizier, der gut französisch sprach und sich über die willkommene Abwechslung in der Wintereinsamkeit freute, beherbergte und bewirtete uns ganz ausgezeichnet, so dass wir frisch gewaschen und gut beköstigt am nächsten Morgen aber die Grenze schritten.

Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon zu sechst. Einer von uns Vieren war in Ankara abgesprungen, weil er meinte sich nicht gesundheitlich ganz auf der Höhe zu fühlen und vor allem, weil er dem Streß der Reise und den kleinen Reibereien nicht gewachsen war. Dafür hatten wir in Istanbul drei weitere Mitfahrer eingeladen; einen Franco-Schweizer und einen Engländer, der lange in Genf gelebt hatte, und gut französisch sprach, außerdem noch einen sehr merkwürdigen Italiener. In Persien auf dem Weg nach Sanandaj, ca. 80 km vorher in einem Orte namens Divandere hatten wir einen kleinen Unfall. Wir kamen auf vereister Straße, auf der Neuschnee lag, in einem Kreisverkehr ins Rutschen und rammten ein Haus. Die Zeugen haben sich alle verdrückt, um (als Kurden) nichts mit der iranischen Polizei zu tun zu bekommen. Von den Polizeistationen, die wir anliefen, fühlte sich auch keine weiter zuständig. So blieb uns nicht viel anderes übrig, als weiterzufahren. Die Wand war zwar recht demoliert, aber die Spuren am Unimog waren nur geringfügig.

Die Einzelheiten dieser Reise könnt Ihr später im Tagebuch nachlegen, besonders die archäologischen Einschübe von UlKa. In Isfahan (im Schnee) haben wir uns einige Tage Ruhe gegönnt. In dem zum Campingplatz umfunktionierten Garten eines reichen Isfahaners, in dem ich nun schon zum 3. Mal rastete, war es jetzt zum Winter recht ruhig. Wir waren teilweise alleine mit den jungen Persern im Hause und gegenüber dem Sommertrubel herrschte eine richtig familiäre Atmosphäre.

Dieser Winter war für den Iran einer der härtesten, auf jeden Fall aber der regen- und schneereichste seit vielen Jahren. Es wird im kommenden Sommer eine Schwemme von herrlichen Früchten und Gemüse geben, sagte man uns. Selbst in der Wüste Lut, in der es seit 3 Jahren nicht mehr ein einziges Mal geregnet hatte, fuhren wir durch Wasserlachen und Tabbas, eine der heißesten Städte des Iran erlebten wir in einem kalten Nieselregen und konnten die Dattelpalmen vor verschneiten Bergen fotografieren. Ansonsten war die Fahrt durch die Wüste sehr schön. Die Straße von Yazd nach Mashad ist übrigens so gut, dass man sie auch mit unserem Opel mit Wohnwagen hätte fahren können. Nur kurze Stücke waren etwas kurvig oder gar zerfahren. Die Straße, so kann man die Piste schon fast nennen, zieht sich teilweise von Horizont zu Horizont, wie ein von Talende zu Tatende ausgerolltes Band dahin. Überall endlose Weite und Totenstille. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es in der Gegend, über die jetzt kalte Schneestürme peitschen, im Sommer glühend heiß sein kann. Alle 30 - 50 km auf diesem Wege trafen wir auf alte, verlassene, aber teilweise noch sehr gut erhaltene Karawansereien, in denen wir manchmal übernachteten, die wir aber zumindest gründlich untersuchten.

Zum ersten Mal habe ich in Persien Sanddünen zu Gesicht bekommen und zum zweiten Mal die Dattelgrenze überschritten. Sie liegt eigentlich südlicher, aber in der Lut macht sie eine Schlinge nach Norden, so dass in Tabbas Datteln gedeihen - wenn auch nicht so gute wie in Bam - in Yazd aber nicht. In Tabbas waren wir zu Gast bei einem Agraringenieur, der seinen Wehrdienst nach der Grundausbildung im Agrarcorps ableistete. Tabbas ist eine sehr schöne Oase, aber die Oasenmentalität der Bewohner ist auf Dauer nur schwer erträglich. Über dieses Projekt, bei dem wir jetzt sind, werde ich noch ausführlicher berichten.

Unser weiterer Weg führt von hier aus wahrscheinlich nach Süden: Birdjand - Zabol - Zahedan - Chahahr Bahar. Ob das mit Chahahr Bahar am Golf von Oman (ganz neu in unserer Reiseplanung) klappt, wissen wir noch nicht. Soweit bis zum nächsten Mal. Schreibt doch mal nach Shiraz und Istanbul.

Euer HoWa

Horst Walther, Hamburg,