Spenden bis zur Abreise sind noch willkommen

Ein genaues Studium der Landkarte ist nötig, bevor Globetrotter Horst Walther sich auf die Reise ins Erdbebengebiet Montenegro macht. Die gebürtige Jugoslawin Lydia Otto, hilft ihm, Alternativrouten für die teilweise zerstörten Küstenstraßen zu finden.

Foto: G. REIFENRATH

Wenn der Hamburger Horst Walther (27) Anfang Juni wieder einmal die Sachen packt, um seiner unbändigen Reiselust zu frönen, wird er mehr als sonst in seinen Unimog laden.

Diesmal will der Diplomchemiker Kleidung und Decken und Geld "an Bord" nehmen die für die erdbebengeschädigten Bewohner der Dörfer um die jugoslawische Stadt Kotor bestimmt sind. Beim Beben im April konnten viele nur ihr nacktes Leben retten und sind noch immer auf Hilfe angewiesen.

Die Idee zur Spendenaktion hatte die Jugoslawin Lydia Otto (30). Nachdem sie, die Sammelgenehmigung von der Arbeits- und Sozialbehörde bekommen hatte, wandte sie sich an das Jugoslawische Generalkonsulat in Hamburg. Es sagte zu, die Zollformalitäten zu erledigen. Lydia griff dann selbst zu Sammelbüchse. Doch in ihrem Wohnviertel in Wandsbek bekam sie nur vier Mark zusammen.

Lydia Ottos und Horst Walthers Bekanntschaft rührt von ihrer Mitgliedschaft in der "Deutschen Zentrale für Globetrotter" (dzg) her. Die Weltreisenden aus Leidenschaft bilden in Hamburg eine starke Gruppe von rund 40 Leuten. Ständig ist einer von ihnen unterwegs. Mit. Spannung wurde zum Beispiel Ottomar Ameis erwartet, ein Angestellter im Tiefbauamt. Er hat auf eigene Faust in Mauretanien Brunnen gesetzt, kam am Wochenende zurück; und wird den anderen Globetrottern von seinen Erlebnissen berichten.

Organisierte Weitenbummler - das passt doch eigentlich gar nicht zusammen. "Globetrotter sind zwar Einzelgänger die Reisegesellschaften verabscheuen, doch mit unseresgleichen pflegen wir durchaus Geselligkeit." Treffen dieser Ortsgruppe finden häufig statt während die Berliner Zentrale nur einmal im Jahr zu einer Zusammenkunft einlädt. Treffpunkt ist eine verfallene Burg im Taunus, die die dzg vor kurzem gekauft hat.

Wie wird man Globetrotter? "Wer einmal Blut geleckt hat, kann es nicht mehr lassen" erklärt Horst Walther die Reiseleidenschaft der Individualisten. Er fuhr nach dem Abitur mit drei Gleichgesinnten für fast vier Monate nach Nepal . Kostenpunkt pro Person: 1400 Mark "inklusive viermal Motor ausbauen und zweimal 'Kurbelwelle neu lagern'". In den folgenden Jahren ging es nach. Afghanistan, Iran, Pakistan, Indien, Irak, Syrien, Libyen, Ägypten, Sudan und Äthiopien.

Geldknappheit ,machte den Weltenbummler erfinderisch: Er überführte Wagen für reiche Scheichs, nahm Anhalter gegen bare Münze mit oder verkaufte Fotos an Illustrierte. Ein anderes Problem ist die nötige Zeit. Horst Walther reiste bisher immer in den Semesterferien Bauzeichnerin Lydia Otto, die zweimal mit ihrem Mann monatelang in Afrika war, hat dafür einmal gekündigt, das andere Mal unbezahlten Urlaub genommen.

Die Reise, die Horst Walther in wenigen Tagen antreten wird, ist für ihn. nur ein kleiner Trip: "Rund fünf Wochen Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland. Den grässlichen deutschen Winter werde ich mit einer dreimonatigen Bolivien-Fahrt umgehen."

Die Spenden, die - so hoffen die Globetrotter - in den nächsten Tagen noch reichlicher fließen, wird Walther zunächst zu Lydia Ottos Schwester Mira nach Zagreb bringen. Diese hat Inzwischen die ärmsten Dörfer ausgesucht. Wer sich noch an der Hilfsaktion beteiligen möchte, wende sich an Lydia Otto, Kielmannseggstraße 58, Tel.: 040 6564376.

GISELA REIFENRATH

... schrieb das Hamburger Abendblatt in der Nr. 125 am 31. Mai 1979 auf der Seite 8