Rüdiger Nehberg wurde auf dem Flughafen von seiner Frau Maggy und Tochter Kirsten sehnsüchtig erwartet

Foto: H. MUNCH

Afrika-Forscher Nehberg nach vielen Gefahren wieder zurück:

Das Abenteuer gefiel sich mit einem Happy-End am Sonnabend, 14.15 Uhr, landete der 42jährig Hamburger Amateurforseher Rüdiger Nehberg au dem Flughafen Fuhlsbüttel, nach 127 Tagen zurück von seiner vierten Äthiopien-Expedition. Nehberg war der erste, seine beiden Gefährten Claus Denart und Horst Walther werden ein paar Tage später in der Hansestadt erwartet.

Dem Mann, der da in der Ankunftshalle des Flughafens von seiner Familie und zahlreichen Freunden begrüßt wurde, waren die Strapazen ins braungebrannte Gesicht geschrieben. Einen Rucksack und einen Handkoffer, mehr brachte er nicht mit an Materiellem. Doch was wiegt das schon, gemessen an den unvergeßlichen Erlebnissen, den Gefahren und Eindrücken, die eine fremde Welt wieder einmal für ihn bereithielt.

Am ersten Tag des Jahres 1977 waren die drei von Hamburg aus aufgebrochen. Ziel: die Danakil-Wüste nicht nur eines der heißesten Gebiete der Erde, sondern mit seinen Salzstöcken, noch tätigen Vulkanen, Lavafeldem und heißen Quellen eine Art von geheimnisumwitterter Hexenküche.

"Die Schwierigkeiten begannen bereits in Addis Abeba", erzählt Rüdiger Nehberg. Die Deutschen bekamen nämlich von den Behörden keine Einreisegenehmigung für die Danakil-Wüste. Sie gilt als militärisches Sperrgebiet, weil mehrere Gruppen von Aufständischen das Land unsicher machen.

Nehberg, Walther und Denart aber gaben nicht auf. Und dabei half ihnen sicher auch der Umstand, daß Sperrgebiete in Afrika wohl nicht vergleichbar sind mit denen, unserer modernen Welt; sie lassen noch genügend Löcher zum Ein- und Ausschlüpfen. Die drei Deutschen fanden jedenfalls einen einheimischen Führer, ein paar Treiber, und mit vier Kamelen gelang der Kolonne ohne allzu große Schwierigkeiten der Durchbruch durch die Sperrzone.

Die Schwierigkeiten kamen erst jetzt. Die Eingeborenen ließen die Europäer bald im Stich. Immer wieder mußten sie sich in Ansiedlungen neue Führer mieten, deren Forderungen wurden höher und höher.

Eines Tages wollten die drei einen Vulkan aufsuchen. Die Eingeborenen weigerten sich, sie zu begleiten, dies sei "der Eingang zur Hölle", erklärten sie den Weißen. Die zogen allein los und wurden prompt von vier bis an die Zähne Bewaffneten überfallen. Geld und wertvolles Gerät gingen verloren, immerhin ließen die Räuber ihnen Kameras, Ausweise und das Leben.

Wenige Tage später gerieten die Deutschen in die Gewalt einer Bande, deren Anführer sie an die Äthiopier ausliefern wollte. Vermutlich rechnete er mit einer hohen Belohnung. Mit Hilfe eines mit einer Maschinenpistole bewaffneten Eriträers konnten sie entkommen und überschritten Mitte März die Grenze zur Provinz Eritrea, dem Zentrum der Aufständischenbewegung in Äthiopien.

Die Bevölkerung dieses Landes, das von den Italienern Äthiopien angegliedert und 1952 von der UNO Addis Abeba zur Verwaltung übergeben wurde, kämpft um ihre Selbständigkeit. Die "Eritrean Liberation Front" beherrscht, wie Nehberg erzählt, 90 Prozent des Landes, lediglich sieben oder acht größere Städte sind noch im Besitz der Äthiopier, doch sind auch sie von den Aufständischen eingeschlossen. Bei Einbruch der Dunkelheit wagt sich kein Äthiopier mehr auf die Straße.

Rüdiger Nehberg, Horst Walther und Claus Denart wurden von den Soldaten der eritreischen Befreiungsfront als Gäste behandelt. Tagsüber hockten sie mit ihnen in Verstecken, um den Piloten der äthiopischen Düsenjäger keine Anhaltspunkte zu geben, nachts zogen sie mit ihnen von Stützpunkt zu Stützpunkt. Daneben versuchten sie auch noch ihre Experimente zur Wassergewinnung durchzuführen, dem eigentlichen wissenschaftlichen Ziel der Expedition. Das Prinzip erwies sich als richtig, allerdings erfüllte der in Deutschland gebaute Hohlspiegel nicht die in ihn gesetzten Erwartungen.

Kurz vor Ostern kamen die drei Deutschen zu einer Gruppe, die über ein Funkgerät verfügte. Es gelang ihnen, den Funker zu überreden, eine Nachricht über ihr Verbleiben abzusetzen. Nach zahlreichen Irrwegen landete die Nachricht bei der deutschen Botschaft in der sudanesischen Botschaft in Khartum.

In den ersten Maitagen wurden Nehberg und Walther von den Eriträern über die sudanesische Grenze gebracht und den dortigen Posten übergeben. Claus Denart dagegen entschloß sich, noch eine kurze Zeit bei ihnen zu bleiben. Der Kameramann will einen Film über die Einnahme der Stadt Tissani drehen, die seit längerem von den Soldaten der Befreiungsfront eingeschlossen ist.

Die beiden anderen wurden von der sudanesischen Sicherheitspolizei nur kurz vernommen. Nehberg bekam als erster sein Ausreisevisum, Walther will über Griechenland nach Hamburg zurückkehren.

"Äthiopien aber", sagt Rüdiger Nehberg. "Äthiopien wird wohl nach diesem Abenteuer in Zukunft für mich tabu sein." Wehmut klingt da durch, hat doch dieses Land seit vielen Jahren einen merkwürdigen Reiz auf den Hamburger ausgeübt. Vier Expeditionen sprechen dafür, unter anderem die Erstbefahrung des Blauen Nil, zusammen mit dem Kameramann Michael Teichmann, der 1975 eben dort am Blauen Nil erschossen wurde. schü.

... schrieb das Hamburger Abendblatt am Montag, 9. Mai 1977 auf der Seite 4