Mit einem Parabol-Spiegel und Zeolith-Kugeln

Neujahr startet Horst Walther mit zwei Freunden zu einem bisher einmaligen Unternehmen in eines der heißesten Gebiete der Erde - 1000 Kilometer durch die Danakil-Wüste, in der die aggressiven Afars leben

Hier auf dem Kamelmarkt in Bati ... So trinkt man aus dem Ziegelleder-Wassersack

Horst Walther mit seiner Bekannten, der Studentin Regina Brodersen, vor einer Afrika-Karte: "Hier in Bati werden wir uns auf dem riesigen Kamelmarkt drei Kamele mieten." - Rechtes Foto: Horst Walther demonstriert, wie man aus einem 50 Liter Wasser fassenden Ziegenlederschlauch trinkt. Neben ihm sein 54-jähriger Vater, der in Zeven unterrichtende Sonderschullehrer Horst Walther, der mit dem Unimog im Hintergrund unter anderem Nordafrika bereiste.

(Fotos: E. Bonath)

bn. Veersebrück. Für Horst Walther Veersebrück 3 b, fallen diesmal Silvester und Neujahr aus. Nicht ersatzlos, denn auf den 25-jährigen Chemiestudenten wartet das bisher größte Abenteuer seines Lebens und am 1. Januar auf dem Hamburger Flughafen eine Maschine der Sudan Airways. Ziel des Fluges mit zwei Zwischenlandungen ist die Äthiopische Hauptstadt Addis Abeba und anschließend die Danakil-Wüste. In diesem glühend heißen Gebiet, das die Größe der Bundesrepublik hat und wo Wasser wie Gold gehütet wird, will Walther diese lebenswichtige Flüssigkeit mit bisher einmaligen Verfahren produzieren. Mit der Chemikalie Zeolith und einem Parabol-Spiegel. Sollte das wissenschaftliche Unternehmen glücken - im Labor der Hamburger Universität gab es keine Schwierigkeiten - könnte das Ganze einmal in Serie gehen.

Horst Walther unternimmt die Expedition, mit deren Vorbereitungen im Sommer begonnen wurde und die zwei Monate dauern soll, nicht allein. Zusammen mit ihm werden sich der Hamburger Konditormeister Rüdiger Nehberg (41), der als erster den Blauen Nil bezwang und den es immer wieder nach Äthiopien zieht sowie der Kameramann Klaus Denart (34) 800 bis 1000 Kilometer zu Fuß durch die Danakil-Wüste vorarbeiten. An der Grenze des Aufstandsgebietes Eritrea werden die drei, die von einem Führer und drei Kamelen als Lasttieren begleitet werden, In Richtung Süden zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Im Mittelpunkt der Expedition, die durch Landstriche führt, die noch kein Weißer betreten hat, wird das Testen der Wasserapparatur, stehen. Horst Walther: Wir brauchen dazu 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Der Gedanke ist übrigens uralt. Aber niemand hat es bisher in dieser Form getan. Das Ganze beruht auf der Erfahrung, dass durch das erhebliche Temperaturgefälle zwischen Tag und Nacht auch in "knochentrockenen" Wüsten Luftfeuchtigkeit entsteht. Und die wird von der Chemikalie Zeolith, die es erst seit fünf Jahren in der Industrie gibt, gierig aufgesogen. Fünf Kilogramm davon in Kugelform werden der Danakil-Luft das wenige Wasser entreißen.

Die Chemikalie muss anschließend gezwungen werden, das Wasser wieder abzugeben. Dazu dient der mitgeführte zusammenfaltbare Hohlspiegel aus Aluminium mit einem Durchmesser von einem Meter. Er konzentriert dir Sonnenstrahlen ähnlich wie ein Brennglas auf die "wassergeladenen" Zeolith-Kugeln. Bei 200 bis 300° C Hitze geben sie das Wasser wieder ab, das in destillierter Form aufgefangen wird. Nachdem notwendige Mineralien hinzugegeben worden sind, ist das Wasser für Menschen genießbar. Horst Walther wird sich während der Expedition damit versorgen.

Der künftige Diplomchemiker hält es für möglich, dass diese Anlage einmal in Serie gehen könnte. Etwa 300 Mark würde diese Apparatur schätzungsweise kosten. Das Zeolith lasse sich immer wieder verwenden. Die Besatzungen einsamer Wetterstationen, so Walther, deren Wasserversorgung oft schwierig sei, könnten sich dann selbst ihr Wasser produzieren.

Die drei Forscher werden selbstverständlich für alle Fälle - auch "echtes" Wasser in Ziegenlederschläuchen mitführen, und, für andere nicht sichtbar, haben sie Revolver bei sich. Walther. Nehberg und Derart werden mit der Danakil-Wüste nämlich ein Gebiet betreten, in dem das ausgesprochen mißtrauische und aggressive Hirtenvolk der Afars lebt.

Eine Krankenschwester, die sieben Jahre unter den Afars lebte, informierte die Männer über die Mentalität dieses etwa 100.000 Menschen zahlenden Volkes. Auf ein Kind zu deuten und es als niedlich und hübsch zu bezeichnen, kann in extremen Fall lebensgefährlich werden: die Afars meinen nämlich, dadurch werde der Dämon auf das Kleine gelenkt. Im Sitzen mit der Fußspitze auf einen Afar zu zeigen kann ebenfalls unangenehme Folgen haben. Mit Stammesangehörigen gehen die Afars ausgesprochen unfreundlich um: Heiratet ein Mann, muss er einen anderen töten und bei der Hochzeit der Braut das Geschlechtsteil des Toten auf einem Silbertablett überreichen. Wegen der begrenzten Versorgungsmöglichkeiten sprechen Fachleute davon, dass das Ausleseprinzip der Grund hierfür sei.

Mit 14.000 Jahren ist die Danakil-Wüste sehr "jung" und geologisch ausgesprochen aktiv. Dazu gehören tätige Vulkane und heiße Quellen, in denen übrigens Fische leben.

Um lockeres vulkanisches Material überqueren zu können, haben die drei Männer Schneeschuhe in ihrem Gepäck. Und Medikamente, damit die den Afars helfen können. Da sie aber nur rote Pillen und Tabletten einnehmen, färbte Konditor Nehberg sie mit rotem Zuckerguss.

Für Horst Walther ist es die erste Reise nach Afrika. In asiatischen Ländern war er zu wiederholten Malen. Seine besondere Liebe gehört dem Iran. Er studierte Iranistik, spricht und liest Persisch und ist zurzeit dabei, ein deutsch-persisches Wörterbuch zusammenzustellen.

... schrieb die Rotenburger Kreiszeitung am 28.12.1976