Amateur-Forscher Rüdiger Nehberg plant eine Expedition zum "Höllenloch der Schöpfung"

Es klingt fast wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht doch haben wir es im Jahrhundert der Mondfahrt ja längst abgewöhnt, Ausgefallenes als unmöglich hinzustellen. Und so wird denn auch des Hamburger Amateurforschers Rüdiger Nehberg neuestes Abenteuer ernst genommen werden müssen. Gemeinsam mit dem Kameramann Klaus Denart und dem Chemiker Horst Walther wird er im Januar aufbrechen, um in einem der trockensten Gebiete der Erde Wasser zu produzieren - aus dem Nichts!

Natürlich ist das Ziel wieder Äthiopien, jenes Land, das eine so merkwürdige Faszination auf Nehberg ausübt und in dem er zusammen mit dem später dort ermordeten Michael Teichmann als erster den Blauen Nil bezwang. Anfang dieses Jahres befuhr er den Omo, einen Fluß im Süden Äthiopiens. Diesmal geht die Expedition in die Danakil-Wüste im Osten des Landes, am Roten Meer und an Somalia angrenzend.

Selbst die neuesten amerikanischen Karten verzeichnen in diesem Raum noch weiße Flecken unbekanntes Land also. Man weiß, daß die Danakil-Wüste äußerst salzhaltig ist, daß es große Kali- und Schwefelvorkommen gibt sowie zahlreiche heiße Quellen und noch tätige Vulkane, man weiß, daß tagsüber 50° C Hitze herrschen und daß das Land von den Danakils (oder auch Afars) bewohnt wird. Dieses von der Kamel- und Schafzucht lebende osthamitische Hirtenvolk gilt als äußerst kriegerisch. Gegen Eindringlinge, die die Salzvorkommen plündern wollen, hat es sich seit Jahrhunderten zur Wehr setzen müssen, so daß das Mißtrauen der Danakils gegenüber allen Fremden nur allzuleicht erklärlich ist.

Im Jahre 1928 gelang es zum erstenmal einer Expedition, die Danakil-Wüste zu durchqueren. Der Engländer Nesbitt hat darüber ein Buch geschrieben, das den bezeichnenden Titel trägt: ,,Das Höllenloch der Schöpfung".

Soviel also zum geographischen Ziel der Expedition. Beinahe noch interessanter ist das wissenschaftliche: Bei einem Überlebenstraining vor vielen Jahren lernte Nehberg einen Trick zur Wassergewinnung. Man gräbt ein Loch, stellt einen Topf hinein, deckt das ganze mit Plastikfolie möglichst luftdicht ab und beschwert die Mitte der Fläche, etwa mit einem Stein, so, daß sie nach unten durchhängt. Die im Erdboden befindliche Feuchtigkeit verdunstet und schlägt sich nach einiger Zeit an der unteren Seite der Plastikfolie ab und tropft von dort in den Topf. Die Menge des gewonnenen Wassers kann man steigern, wenn man in das Loch dürres Geäst legt, einen Stoff also, der, obgleich er knochentrocken erscheint, dennoch Feuchtigkeit enthält.

Seitdem Rüdiger Nehberg diesen Trick kennenlernte, verfolgt ihn ein Gedanke: Es müßte doch möglich sein, auf ähnliche Art überall in der Wüste Wasser zu gewinnen. Statt des Holzes, das ja nicht immer vorhanden ist, müßte man nur etwas bei sich haben, das Feuchtigkeit möglichst noch stärker aufsaugt, eine Chemikalie etwa.

Er schrieb zahlreiche chemische Werke an, bekam aber nur von einem positive Antwort, von Bayer. Zeolith sei sein Stoff, teilten die Leverkusener Nehberg mit. Zeolith ist eine in Pulverform oder als kleine Kugeln auf dem Markt befindliche Chemikalie, die sehr stark Wasser anzieht. Gebraucht wird sie beispielsweise in der Medizin oder in der Filmindustrie, wo mit Hilfe von Zeolith bestimmte Geräte hundertprozentig trocken gemacht werden können.

Vom Meteorologischen Institut Hamburg ließ sich Rüdiger Nehberg darüber hinaus bestätigen, daß auch die scheinbar trockensten Wüsten morgens eine gewisse Luftfeuchtigkeit aufweisen.

Rüdiger Nehberg, Klaus Denart und Horst Walther (von rechts) demonstrieren hier ihr Wassergewinnungsverfahren: Der Hohlspiegel (1 1/2 qm) sammelt die Sonnenwärme und konzentriert sie auf einen Punkt. In diesem Brennpunkt steht das Glasgefäß mit der Chemikalie (Zeolith), die über Nacht im Freien Luftfeuchtigkeit aufgenommen hat. Unter dem Gefäß entstehen Temperaturen bis zu 300° C- Celsius, die die Feuchtigkeit verdampfen lassen. Dieser Vorgang beginnt bereits bei 140° C Celsius. Der Wasserdampf schlägt sich an dem kühleren Auslaufrohr nieder und läuft als Wasser ab.

War das Problem damit gelöst? Keineswegs. Zeolith hat nämlich die Eigenschaft, das der Luft entzogene Wasser nicht wieder hergeben zu wollen. Erst wenn es stark erhitzt wird - etwa bei 250 - 300° C -, entläßt es die Feuchtigkeit.

Es galt also, einen Apparat zu entwickeln, der durch Sonnenenergie so starke Hitze erzeugt, das den Zeolith-Kugeln die einmal aufgesogene Feuchtigkeit wieder entzogen werden kann.

Über eine Anzeige fand Nehberg den 26jährigen, kurz vor dem Staatsexamen stehenden Chemie-Studenten Horst Walther, der bereits längere Zeit im Iran gelebt hat. Walther bekam von Professor Gunsser die Erlaubnis, zusammen mit Nehberg im Chemischen Institut der Universität zu experimentieren. Das Ergebnis ist ein etwa eineinhalb Quadratmeter großer Metall-Hohlspiegel, der die Sonnenstrahlen selbst in unseren gemäßigten Breiten so stark bündelt, daß innerhalb von acht Minuten ein Liter Wasser zum Kochen gebracht wird.

Mit Hilfe dieses Spiegels hoffen Walther und Nehberg in der Danakil-Wüste die Temperaturen erzeugen zu können,- die notwendig sind, um dem Zeolith, das die Bayer-Werke zur Verfügung stellten, das Wasser zu entziehen. Dabei dürfte ihnen eine Erfahrung zugute kommen, die sie bei ihren Experimenten machten: Wenn man nämlich das Zeolith mit Kohlepulver schwarz einfärbt, nimmt es die Hitze besser auf und schwitzt das Wasser bereits ab etwa 140° C aus.

Der dritte Mann im Bunde ist der in Harnburg wohnende Kieler Klaus Denart, ein 35jähriger Journalist und Kameramann. Denart, ein erfahrener Afrika-Kenner, der vor Jahren bereits einmal in der Danakil-Wüste war, wird einen Film von der Expedition drehen.

Start ist übrigens dann, wenn die meisten von uns ihren Silvesterkater mit sich herumschleppen werden - am 1. Januar.

HORST SCHÜLER

... schrieb das Hamburger Abendblatt am 17. Dezember 1976